Der polnische Innenminister Mariusz Kaminski hat am Sonntag einen Appell an die tausenden Migranten gerichtet, die sich im benachbarten Belarus aufhalten und auf eine Durchreise durch Polen nach Deutschland hoffen. Sie sollten Gerüchten über einen angeblich bevorstehenden Transit nach Deutschland nicht glauben. Unter Migranten kursierte offenbar die Nachricht, dass am 15. November Busse aus Deutschland die Flüchtlinge abholen würden und Polen sein Einverständnis zur Durchfahrt gegeben habe: „Das ist eine Lüge und Unfug! Polen wird seine Grenze zu Belarus weiterhin schützen,“ schrieb Kaminski in einer SMS, die in Englisch und fünf weiteren Sprachen an all jene versandt wurde, deren Handys sich im Grenzgebiet in Reichweite des polnischen Mobilfunks befänden. 

Der frühere Geheimdienstkoordinator der polnischen Regierung hat aktuell ein kaum lösbare Aufgabe zu bewältigen. Er muss dafür sorgen, dass die Grenze zu Belarus dicht bleibt. Das betrifft nicht nur die andere Seite des Grenzzauns: Am Dienstag stoppten Kaminskis Behörden deutsche Aktivisten auf polnischem Territorium bei dem Versuch, Migranten aus der Grenzregion nach Deutschland zu bringen. Ein Bus der Initiativen Seebrücke Deutschland und LeaveNoOneBehind wollte wenige Kilometer vor dem Grenzübergang Kuznica Migranten aufnehmen. Doch Kaminski hat in einer Drei-Kilometer-Zone entlang der Grenze den Ausnahmezustand verhängt. Hilfsorganisationen dürfen nicht hinein.

Kaminski ist Historiker und war Mitglied des polnischen Widerstands gegen die Kommunisten. Er saß wegen der Schändung eines Denkmals für die Sowjetarmee im Gefängnis, wurde wegen der Teilnahme an einer Demo der Schule verwiesen. Vor einigen Jahren sorgte er als Chef der Antikorruptionsbehörde für Schlagezeilen, musste wegen des Vorwurfs des Amtsmissbrauchs vorzeitig abtreten. In der Migrationskrise muss er nun die territoriale Integrität Polens verteidigen. Das ist eine Herkules-Aufgabe: Am Sonntag wurde in Warschau erneut der Hilferuf nach der Nato laut. Kaminskis Truppen könnten einem echten Ansturm an der Grenze wohl nicht standhalten. (mit AFP)