Michael Richard „Mike“ Pompeo war beim Militär, studierte Jura und fungierte als CIA-Chef. Nun dient er treu seinem Präsidenten.
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BerlinRedet Mike Pompeo von seiner Kadettenzeit in West Point, dann erwähnt er stets die Sache mit dem Stiefelputzen. Wer in der Offiziersklasse Erster werden wollte – was Pompeo wurde –, musste nicht nur die besten Klausuren schreiben, sondern auch das am besten polierte Schuhwerk vorzeigen können.

Redet der heutige US-Außenminister vor Kadetten, lädt er sie ein, seine Schuhe zu inspizieren. Denn gibt man sich genügend Mühe, spiegeln sich die schwarzen Oberflächen. Das Leder reflektiert sogar das eigene Gesicht. Das sei nur ein Beispiel, wie das Militär jemanden schult, das Beste aus sich herauszuholen. Denn das Militärische sei nicht das Schlechteste in Amerika. Bei der Armee gibt es mehr Gleichheit bei allem Leistungsprinzip und mehr Solidarität.

Wenn Pompeo beschreibt, wie gern er sich auf Treffen mit Staatschefs vorbereitet, dann sagt er, dass solche Gipfel nie nur die Sache der paar Hanseln im Raum seien, sondern immer von hunderten Mitarbeitern. Das ist militärisches Bewusstsein: Dienst an der Öffentlichkeit, notfalls bis zum Ultimativen. Pompeo lobt dann die Kadetten, weil sie „für die amerikanischen Ideale kämpfen, statt dagegen zu protestieren“. Eine Pointe, die erst im Nachklang polarisiert.

Er gilt als ultimativer Loyalist

Pompeo klingt dann autoritär, und dennoch argumentierte er einst scharf in einer Rede 2016 in Kansas gegen die Nominierung von Trump: Dieser würde „ein autoritärer Präsident werden, der die Verfassung missachten würde“. Pompeo forderte damals, „die Lichter auf diesem Zirkus herunterdimmen“. Trump war damals anwesend – und von Pompeos Redekunst fasziniert.

Heute sitzt Pompeo in Trumps Kabinett vergleichsweise sicher, gilt als ultimativer Loyalist. Geduldig erträgt er Trumps Witze, wenn er mal mit der Präsidententochter auftritt, und von Trump als „Beauty and the Beast“ vorgestellt wird. Es wurde viel für Ex-Militärs wie den 56-jährigen Pompeo getan – allein für Pompeos West-Point-Klasse von 1986, die Leute wie Mark Esper hervorbrachte, den heutigen Verteidigungsminister, oder Thomas Brechbuhl, Pompeos Stabschef, sowie andere einflussreiche Leute.

Heute sitzt Pompeo in Trumps Kabinett vergleichsweise sicher, gilt als ultimativer Loyalist.
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Für diese Generation war Amerika stets die einzige Supermacht. Gleichzeitig hat das Land kaum einen Krieg gewonnen – nicht in Vietnam, nicht in Afghanistan, nicht in Irak. Da ist eine klare Haltung schwierig. Pompeo gebärdet sich mal, als wäre er General Patton und dann wieder als der brave Soldat Schwejk.

Militärischer Schläge wie Blitze

Pompeo gilt als Architekt des Anschlags von Anfang Januar auf den Iraner Qasem Soleimani, der Kommandeur der Quds-Einheit. Gleich nach Pompeos Amtsantritt 2018 kam die Kündigung des Iran-Abkommens. Erfolglos versuchte er, Vergeltung gegen die iranischen Provokationen einzufordern: Trump sollte keine Schwäche zeigen.

Am 3. Januar wurde die „Abschreckung“ aus Pompeos Sicht wiederhergestellt. Der Schlag kam mitten in der Nacht am Rande des Bagdader Flughafens wie ein Blitz. Die Europäer hatten mit ihrer Diplomatie auf ihre Tradition der Aufklärung gesetzt. Pompeo mag lieber solche Blitze wie sie in der Antike gegen Feinde geschleudert wurden – als Strafe und aufhellende Erleuchtung.

Jovial, entschlossen, martialisch, christlich

Nach seinem Militärdienst an der deutsch-deutschen Grenze war Pompeo Jurastudent an der Harvard Law School und prestigeträchtiger Präsident des Harvard Law Reviews. Er vermag es, eine joviale wie auch entschlossene Figur abzugeben. Böse Zungen im Pentagon sollen ihn „Miss Amerika“ nennen, so oft lächelt und winkt er.

Doch das Martialische bleibt stets greifbar. So wurde die Journalistin Mary L. Kelly kürzlich überrascht, als sie nach bohrenden Interview-Fragen zur Ukraine, in Pompeos Amtszimmer bestellt wurde. Nach ihrer Darstellung schimpfte der Minister und sagte, dass das „amerikanische Volk sich einen Dreck um die Ukraine schert“.

Das Interesse für Karten und Grenzen ist sehr typisch, und der Kulturhistoriker Klaus Theweleit hätte seine Freude dran.
Foto: Getty Images/Win McNamee

Daraufhin befahl er seinem Stab, eine unmarkierte Weltkarte zu holen und verlangte, dass Kelly die Grenzen der Ukraine zeigen sollte. Politisch war dies brisanter als manch unglücklich verlaufene sexuelle Begegnung in der Zeit von #MeToo. Denn hier wollte ein Militär einer Zivilistin vorführen, dass sie keine Ahnung habe. Danach lobte Trump den „sehr guten Job“ bezüglich dieser Frau.

Solch ein Konflikt ist für Pompeo nicht typisch. Seine Ehe gilt als gut, er ist ein evangelikaler Christ. Aber das Interesse für Karten und Grenzen ist sehr typisch, und der Kulturhistoriker Klaus Theweleit hätte seine Freude dran. Ständig will Pompeo eine Karte vorführen, wenn auch nur in Gedanken. Er will dem Feind Grenzen aufzeigen, ob im Falle Chinas oder dem Iran. Er ist Anhänger der „zwingenden Diplomatie“: Wenn ein Gegner bestimmte Grenzen verletzt, dann muss gehandelt werden.

Ein Intellektueller wider Willen

Bestimmte Grenzen erscheinen veraltet. Die Haager Landkriegsordnung verbot 1907 die Tötung fremder Machthaber in Friedenszeiten. Das Verbot wurde im 20. Jahrhundert meist eingehalten. Doch der Terror im neuen Millennium weichte immer mehr die Grenze zwischen Krieg und Frieden auf, wie der New Yorker zum Thema gezielte Tötungen schreibt. Terroristen verübten Anschläge, um sich jenseits der Grenze zu verstecken. Der Anschlag auf den Iraner Soleimani war nicht nur wegen dessen Rang ein Kulturbruch, sondern weil Trump danach eine triumphale Pressekonferenz gab.

Trump redet am liebsten auf Twitter oder direkt mit ausländischen Machthabern. Für sonstige Kommunikation ist Pompeo gefragt. Auf seinem Schreibtisch steht eine geöffnete Bibel, und die letzte Stelle, die er gelesen hat, markiert er mit einem Armeemesser. Für das gläubige Publikum erklärt er, dass Gott Donald Trump hochgebracht habe, um eine Art Königin Esther zu sein, die einst das jüdische Volk rettete.

Auch seine Schulkameraden berichten, dass er besser als die Lehrer den Stoff erklären konnte. Doch für den Angriff im Irak ist es schwer, stichhaltige Erklärungen abzugeben, für das, was man früher „außergerichtliche Tötung“ nannte. Pompeo ist ein Intellektueller wider Willen. Trump mag auf Donnerkeile wie in antiken Zeiten setzen, doch heute muss jemand dem Blitz eine Bildunterschrift verpassen.

Mit Millionen-Spenden in den Kongress

Pompeos Politikertypus kommt nicht von der elitären Ostküste, sondern aus Wichita in Kansas oder Gary in Indiana. Prägend sind dort die Öl- oder die Spielcasino-Industrien. Dort wird nun mal ein anderer amerikanischer Traum geträumt als in New York oder Boston.

Nach seiner Ausbildung geht Pompeo in die Heimat seiner Mutter, Tochter einer Familie aus Kansas, die Billardhallen betrieb. Sein Vater war bei der Navy und Demokrat. Der Sohn geht unter Reagan einen anderen Weg. Er liest Klassiker wie Ayn Rands „Als Atlas mit den Schultern zuckte“ – eine Warnung vor der Massengesellschaft ohne Elite. In Kansas ist Pompeo in einer Kirche, die bekannt ist für den Kampf gegen die Homo-Ehe. Schnell findet er Kontakt zu den Koch-Brüdern, zwei 90 Milliarden Dollar schweren ultrakonservativen Unternehmern.

Mit Kameraden aus West Point gründet er eine Luftfahrt-Firma, die maßgeblich von den Kochs finanziert wurde. Doch das Geschäft lief nicht gut. Bald ließ sich Pompeo mit Millionen-Spenden in den Kongress wählen. Gegen seinen damaligen Gegner, Raj Doyle, einen Demokraten indischer Herkunft, prägte Pompeo den Wahlspruch: „Vote American – Vote Pompeo.“ Ein schlechter Mensch, der dabei Schlechtes denkt.

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Der neue Politikertypus hat Stallgeruch

Viele in der neuen Garde teilen Aspekte dieses Aufstiegs. Die neuen Männer besitzen Stallgeruch, den man in Metropolen kaum erlangt. Vizepräsident Mike Pence begann als evangelikaler Rechtsanwalt und später Kongressabgeordnete aus Gary, Indiana, bis er seine Begabung bewies, gegen alle Ökosteuerpläne Obamas zu wettern.

Seine Wahl zum Gouverneur Indianas wurde mit Millionen der Koch-Brüder und eines Casino-Milliardärs finanziert. Der Durchbruch der Kochs kam dann, als Trump nach einer mysteriösen Flugzeugpanne in der Stadt Gary strandete und so Pence als Gastgeber im Gouverneurspalast kennenlernte.

Danach wurde Pence zum Vizekandidaten gekürt und wenig später zum Chef des Übergangsteams. Man vermutet, dass während Trump nach der Wahl im Siegesrausch schwelgte, Pence 16 hochrangige Koch-Politiker wie Pompeo oder den heutigen Verteidigungsminister Mark Esper durchbrachte, dazu 100 andere aus dem gleichen Stall.

Über die neuen Männer

Die neuen Männer sind diszipliniert. Pence geht nicht mit einer anderen Frau essen, wenn seine Ehefrau nicht dabei ist. Lose pflegen sie eine Bibelgruppe im sonst kaum religiösen Weißen Haus. Abgeschrieben scheinen Figuren wie Stephen Bannon oder John Bolton, die zwar ideologisch rechts außen waren, aber anarchistisch und mürrisch.

Die neuen Männer halten sich im Hort der Macht, sie gleichen der Nomenklatura eines einst bolschewistischen Landes. Die Lederjacken sind weg, die Anzüge können nicht grau genug sein. Am häufigsten wagt sich Pompeo in die politischen Schusslinien, doch weiß er um die Gefahren. Schließlich wurde der Kopf seines Namensvetters, Gnaius Pompeius Magnus, nach seiner Ermordung persönlich an Caesar übergeben.

Die Republikaner haben ihn angefleht

Pompeo gilt als „konservativer Internationalist“, weil er nicht mehr die Institutionen der Nachkriegszeit pflegen will, sondern US-Interessen punktuell und mit nationalgefärbten Regierungen von Indien bis Brasilien, von Israel bis Australien fördern will. Einerseits will er die Freiheit haben, zu eskalieren, andererseits will er die Möglichkeit haben, Amerika abzuziehen. Er scherzt mit seinem Publikum: „Wir wollen alle, dass Iran eine normale Nation wird. Eine Nation wie Norwegen zum Beispiel, oder?“

Aber wenn Amerika Konflikte eskalieren darf, aber Regionalmächten nicht unbedingt beistehen muss, gibt es bald Probleme. Die Isolation Amerikas ist in Orten wie Wichita und Gary besonders stark, doch dort werden Wahlen gewonnen. Die Republikaner haben Pompeo angefleht, sich als Senator in Kansas zu bewerben. Doch Pompeo will nicht der Senator aus Wichita sein. Aber will Pompeo der Präsident aus Wichita 2024 werden?

Regelmäßige Demonstrationen der militärischen Macht

Die USA haben ihre Macht oft demonstriert. Drohnenkriege und Datenhoheit obwalteten schon unter Bush und Obama. Trump behandelt Verbündete wie römische Provinzen, von denen er höhere Verteidigungsbudgets einfordert – quasi als imperiale Steuer. Trump hat das eigene Militärbudget kräftig erhöht. Rüstungsfirmen bekamen immense Aufträge, die Truppen drei Prozent mehr Geld. Es gibt eine neue Einheit, die Space Force, und Bundesangestellte haben Anspruch auf bezahlten Familienurlaub.

Trump hat der Ukraine Antipanzerwaffen ermöglicht, obwohl es dort längst keinen Panzerkrieg mehr gibt. Anfang Januar wollte Pompeo eigentlich in der Ukraine sein, musste aber zu Hause den Angriff in Bagdad erklären. Zwei Tage nach dem Siegesrausch wegen des Bagdad-Angriffs kam eine schlechte Nachricht aus Afrika, als Shabaab-Milizen die US-Basis in Manda Bay in Kenia überrannten, drei Soldaten töteten und teure Überwachungsflugzeuge zerstörten. Nach ähnlichen Vorfällen in Niger hatte das Pentagon entschieden, den Afrika-Einsatz zu kappen.

Pompeo ist Anhänger der „zwingenden Diplomatie“: Wenn ein Gegner bestimmte Grenzen verletzt, dann muss gehandelt werden.
Foto: AFP/Kevin Lamarque

Nun erklärte Esper erneut seine Abzugsabsicht. Nur Tage nach dem Übergriff in Kenia gab es nach dem iranischen Gegenangriff neue Sorgen um die irakischen Flugplätze. Lockheed Martin gaben die Wartung der F-16 auf. Nun werden die teuren F-16 von Irakern bewacht, die angeblich nur Suppe und Reis als Verpflegung bekommen.

Pompeo als Welterklärer

Die Widersprüche sind nicht alle amerikanisch. Auch die Verbündeten in Europa pochen auf ihre Souveränität bei gewohnten US-Sicherheitsgarantien. Ob die Iraker oder die Franzosen in Westafrika, alle fürchten sich vor den Verlusten bei einem US-Abzug.

Alle sind gewarnt, dass die USA nicht auf Dauerpräsenz aus sind. Trump redet nur mit dem eigenen Volk oder mit Staatschefs. Pompeo bleibt die Rolle als Welterklärer in Chief, mal onkelhaft, mal sarkastisch. Er ist Projektionsfläche für Freund und Feind, er ist Hardliner, Kriegsflüsterer und Chefdiplomat. Die Widersprüche nimmt er nicht persönlich.

Anjana Shrivastava ist eine amerikanische Journalistin in Berlin. Sie hat an der Harvard Universität Geschichte studiert und schreibt für zahlreiche deutsche und ausländische Zeitungen.