Impfung gegen Kinderlähmung in Indien
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London/Berlin7,8 Milliarden Euro (8,8 Milliarden US-Dollar) für globale Impfkampagnen, über eine Milliarde mehr als erwartet – das ist das Ergebnis der Internationalen Geberkonferenz der Impfstoff-Allianz Gavi.

Sie sei überwältigt und begeistert von dem weltweiten Einsatz, der es möglich mache Millionen Leben zu retten, sagte Gavi-Vorstandsvorsitzende Ngozi Okonjo-Iweala am Donnerstagabend zum Abschluss des Gipfels, der wegen der Corona-Pandemie als Online-Konferenz stattfand.

Mit dem Geld will Gavi in den kommenden fünf Jahren 300 Millionen Kinder besonders in Entwicklungsländern impfen lassen. Dabei geht es vor allem um Routine-Impfungen, etwa gegen Masern oder Typhus. Jedes Jahr sterben immer noch 1,5 Millionen Kinder weltweit an Krankheiten, vor denen sie durch eine Impfung geschützt wären. Gavi will die Milliarden-Unterstützung außerdem nutzen, um Impfkampagnen vorzubereiten, die einen zukünftigen Corona-Impfstoff möglichst allen Menschen weltweit zugänglich machen sollen.

UN-Generalsekretär António Guterres bezeichnete die Corona-Pandemie am Donnerstag als die „größte Gesundheitskrise unserer Generation“. Eine Covid-19-Impfung müsse dementsprechend als ein öffentliches Gut betrachtet werden, denn: „Krankheiten kennen keine Grenzen.“

Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien und Ausrichter des Gipfels, an dem 50 Länder sowie Nichtregierungsorganisationen und private Geldgeber beteiligt waren, sagte zum Auftakt, angesichts des Coronavirus gehe es darum, „eine neue Ära der globalen Gesundheitszusammenarbeit“ einzuläuten.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte den Zugang zu Impfungen in einer Videobotschaft „ein universelles Menschenrecht“.

Die Bundesrepublik wird Gavi in den kommenden fünf Jahren mit 600 Millionen Euro unterstützen. Außerdem kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an, Deutschland werde zusätzlich 100 Millionen Euro über Gavi speziell zur Eindämmung der Corona-Pandemie investieren. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, sagte Merkel, die der Konferenz aus Berlin zugeschaltet war.

Gavi

Die in Genf ansässige Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung (Gavi) wurde im Jahr 2000 gegründet worden und hat seitdem dabei geholfen, mehr als 760 Millionen Kinder in den ärmsten Ländern der Erde zu impfen. Ziel des Bündnisses aus öffentlichen und privaten Geldgebern ist es, mehr Kinder zu impfen und so vor lebensbedrohlichen Krankheiten zu schützen. Mitglieder sind unter anderen Regierungen von Industrie- und Entwicklungsländern, die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Unicef, die Weltbank und die Bill & Melinda Gates Foundation.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hatte im Vorfeld des Gipfels vor dramatischen Folgen gewarnt, sollten Impfprogramme in den ärmsten Ländern der Welt wegen des Coronavirus dauerhaft zum Erliegen kommen. Schon jetzt könnten lokal tätige Organisationen ihre Impfprogramme in vielen Ländern wegen der vielerorts verhängten Anti-Corona-Maßnahmen nur noch eingeschränkt durchführen.

Humanitäre Organisationen befürchten außerdem, dass ein potenzieller Impfstoff gegen Covid-19 trotz Milliarden öffentlicher Förderung doch nicht für alle gleichermaßen zugänglich sein wird.

„Unsere Erfahrungen mit einem Gavi-Fonds für einen Impfstoff gegen Lungenentzündung zeigt: Zwar gibt es Subventionen für einige sehr arme Länder, aber viele andere werden weiterhin der Willkür des Marktes überlassen“, sagte Marco Alves von der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières, MFS) in Deutschland. Einige Länder hätten wegen des hohen Preises nicht ausreichend Impfstoffe beziehen können. „Das darf sich bei Covid-19 nicht wiederholen.“

Manuel Martin von MSF kritisierte außerdem, dass Nichtregierungsorganisationen in der Vergangenheit im Vorfeld nicht an der strukturellen Planung möglicher Impfkampagnen beteiligt gewesen seien. Er hoffe, dass das dieses Mal anders sei.

Anna Kühne, epidemiologische Beraterin bei MSF, gab bei einer Videokonferenz am Donnerstag eine Einschätzung über die Corona-Pandemie auf dem afrikanischen Kontinent. Obwohl einige afrikanische Länder, unter ihnen Südafrika, Ghana und Ägypten besonders stark von dem Virus getroffen worden seien, verlaufe die Corona-Pandemie in Afrika bisher insgesamt etwas langsamer als in Europa. Die offiziellen Zahlen seien aber nur bedingt belastbar. So gebe es nicht ausreichend Testkapazitäten, außerdem sei die Logistik in einigen Ländern sehr schwierig.

Sabrina Rubli, Health Promotion Activity Managerin für MSF in Goma im Ostkongo, nannte die Lage vor Ort besorgniserregend. Nicht nur das Coronavirus, über das viele Fake News im Umlauf seien, mache der Bevölkerung Angst. „Die Menschen verstehen, dass Maßnahmen, wie Ausgangssperren nötig sind, um die Ausbreitung des Virus zu bekämpfen“, sagte Rubli. „Aber diese Maßnahmen sind für viele Menschen hier schlicht nicht umsetzbar.“ Die Leute seien darauf angewiesen, täglich das Haus zu verlassen, um Geld zu verdienen. „Die größte Angst der Menschen ist nicht die vor Covid-19, sondern die, ihre Familien nicht mehr ernähren zu können.“