Ich habe schon einige Kämpfe in meinem Leben geführt und ich werde auch diesen Kampf führen“, hat Manuela Schwesig am Dienstag gesagt. Kurze Zeit zuvor hatte die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern in einer Erklärung der Staatskanzlei die Öffentlichkeit darüber informieren lassen, dass bei ihr Brustkrebs diagnostiziert worden ist.
Blickte man von außen auf das bisherige Leben und die Karriere der 45-Jährigen und schlösse man davon auf ihre Chancen, diesen Kampf zu gewinnen, so müsste man sagen: Sie stehen nicht schlecht. Manuela Schwesig, geboren am 23. Mai 1974 in Frankfurt (Oder), ist eine Überfliegerin. Erst 2003, mit 29, trat sie in die SPD ein, aber schon fünf Jahre später wurde sie Ministerin für Soziales und Gesundheit in Mecklenburg-Vorpommern, wieder fünf Jahre später Bundesfamilienministerin.

Sie hat ein hohes Tempo vorgelegt, hat sich voller Energie in ihre Aufgaben geworfen, sich nicht davon beirren lassen, dass sie anfangs misstrauisch beäugt wurde. „Natürlich“, erzählte sie einmal, „gab es da diese Vorstellung: Die ist doch nur im Amt, weil sie jung ist und aus dem Osten.“

Sie galt als nervig und penetrant. Das sind Worte, die gerne benutzt werden, um die Arbeitsweise oder den Charakter einer Frau zu beschreiben, auch wenn eigentlich andere gemeint sind. Hartnäckig. Willensstark. Kämpferisch. Es sind diese Eigenschaften, die sie jetzt brauchen wird wie nie zuvor.

Manuela Schwesig legt Parteiämter auf Bundesebene nieder

Es war eine einfach gehaltene Erklärung, die die Mutter zweier Kinder am Dienstag abgab:„Die gute Nachricht ist: Dieser Krebs ist heilbar“, erklärte Schwesig. „Allerdings ist dafür eine medizinische Behandlung notwendig. Dies wird dazu führen, dass ich in den kommenden Monaten nicht an allen Tagen öffentliche Termine wahrnehmen kann.“ Sie habe deshalb die Ministerinnen und Minister gebeten, sie an diesen Tagen zu vertreten. Ministerpräsidentin und Chefin der Landes-SPD will sie bleiben, ihre Parteiämter auf Bundesebene legt die kommissarische SPD-Chefin nieder.

Die Nachricht entsprach ihr, ihrer Art, zu kommunizieren, nüchtern und analytisch, so als beobachte sie sich von außen. So spricht Manuela Schwesig auch, in offiziellen Runden zumal. Man muss ihr länger gegenübersitzen und ihr genauer zuhören, um hinter der freundlichen Distanz den Humor und die Wärme der Frau zu entdecken, die sich eine professionelle Rüstung zugelegt hat, die ohne Zweifel nötig ist, wenn man sich in der Politik bewegt. Gerade als Frau. Und in ihrer Liga. Sie hat viele persönliche Attacken aushalten müssen und weggesteckt. Der politische Alltag sei zu hart, hat sie einmal gesagt, als dass man sich solchen Befindlichkeiten aussetzen sollte.

Dorthin, wo sie ist, kommt man nicht ohne ein Pokerface.

Genesungswünsche via Twitter

Ein Moment, der ihr auch sichtbar nahe ging, war der, als sie im Sommer 2017 das Amt der Ministerpräsidentin von Erwin Sellering übernahm, der ebenfalls an Krebs erkrankt war. Im Bundestagswahljahr gab sie dafür ihr Amt als Bundesfamilienministerin auf.

Erwin Sellering meldete sich am Dienstag ebenfalls zu Wort. Die Nachricht von der Erkrankung seiner Nachfolgerin sei ein Schock, sagte der 69-Jährige. Und machte ihr gleichwohl Mut: „Brustkrebs hat – anders als viele andere Krebsarten – eine wirklich gute Prognose, sodass alles dafür spricht, dass Manuela Schwesig ihr Amt bald wieder voll ausüben kann“, sagte Sellering, dessen eigene Krankheit als überwunden gilt. „Ich wünsche ihr und ihrer Familie von Herzen, dass sie diesen Schicksalsschlag gemeinsam gut bewältigen.“

Genesungswünsche kamen auch von vielen anderen Kolleginnen und Kollegen, unter ihnen Mike Mohring. Der CDU-Chef in Thüringen hatte seine Krebs-Erkrankung Anfang des Jahres öffentlich gemacht und viel Anerkennung für diesen Schritt erhalten. Auf Twitter schrieb er nun: „Verehrte Frau Manuela Schwesig. Von Herzen wünsche ich Ihnen Genesung und auf dem anstrengenden Weg dahin, Kraft und Zuversicht, ein Licht an dunklen Tagen und wenn ich das darf, Gottes reichen Segen.“

Überhaupt schlug Manuela Schwesig auf Twitter eine parteiübergreifende Welle des Mitgefühls entgegen. Politische Freunde und Gegner richteten der Ministerpräsidentin bei dem oft so zynischen und als Populismus-Plattform missbrauchten Medium ihre Genesungswünsche aus. 

Schwesigs Entschluss, die Krankheit öffentlich zu machen, zeugt einmal mehr von einem veränderten Umgang mit Krankheit im politischen Geschäft. Erkranken Politiker, Menschen mit Regierungsverantwortung gar, gilt das nicht mehr als Zeichen von Schwäche. Vielmehr scheinen sie näherzurücken an das Volk, an den Menschen, den sie ja repräsentieren und vertreten sollen und der ihnen nicht selten vorwirft, sich in Sphären zu bewegen, die mit dem normalen Leben wenig mit nichts mehr zu tun haben.

Dank für die Anteilnahme

In einer Videonachricht auf Twitter sagte Schwesig am Dienstag noch, es sei „ein bewegender Tag“ für sie. Die Diagnose habe sie und ihre Familie schwer getroffen, aber sie seien sehr zuversichtlich, dass sie wieder gesund werde. „Ich möchte mich bedanken für die große Anteilnahme, das gibt Kraft und das macht Mut“, sagte Schwesig. So war es auch eine menschliche Botschaft, die sie sendete: Es kann jeden von uns treffen, und im Angesicht der Krankheit sind wir alle gleich in unserer Angst und Unsicherheit.

Auf ihre Ämter in der Bundes-SPD verzichte sie, sagte Schwesig, um sich auf Gesundheit, Familie und die Aufgabe in Mecklenburg-Vorpommern zu konzentrieren. Im Jahr 2021 will sie dort die Landtagswahlen gewinnen – trotz des Erstarkens der AfD.

Die Ministerpräsidentin ist ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor in der SPD. Als Bundesfamilienministerin profilierte sie ihre Partei neu auf einem Gebiet, dass die Sozialdemokraten in Zeiten der Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) stark an die Union verloren hatte. Sie boxte das Elterngeld plus durch, die Frauenquote und ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit. Zum Teil gegen erhebliche Widerstände vom Koalitionspartner. Sie hat sich nicht beirren lassen, dafür war ihr ihre Mission viel zu wichtig. Sie hat ja am eigenen Leib erfahren, wie groß die Hürden sind, die Frauen überwinden müssen, auch heute noch.

Die Ostfrau in ihr

Als Manuela Schwesig – damals bereits Mutter eines Sohnes – in ihrem Amt als Familienministerin schwanger wurde, stand ihre Familienplanung auf einmal im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Dass sich ihr Mann Stefan Schwesig als Vollzeitvater um die gemeinsame Tochter kümmern würde, veranlasste einige Medienvertreter zu der Frage, ob er denn keine Nachteile in seinem Job befürchten müsse. Im Jahr 2015 haderte die Nation allen Ernstes mit der Frage, wie das denn funktionieren könne, gleichzeitig Ministerin und Mutter zu sein. Auf die Aufregung reagierte Schwesig einmal mehr, wie es ihre Art ist: ruhig, nüchtern und mit einer halb resignierten, halb ironischen Bemerkung: „Mich fragt das jeder – Heiko Maas fragt das keiner.“ Im Übrigen sei ihr Ehemann der Vater ihrer Kinder – und keine Mutter zweiter Klasse.
Auch, wenn sie sich immer als explizit gesamtdeutsche Politikerin verstand: Als es um ihre Familie ging, war es deutlich zu spüren, das ostdeutsche Erbe, das sie von ihrer Mutter und Schwiegermutter mitbekommen hat. Job und Familie zu vereinbaren, hat sie nie als Widerspruch empfunden. „Für mich war immer klar: Ich will gute Arbeit leisten. Und ich will eine Familie.“ Sie glaube selbst, hat sie einmal gesagt, dass das an ihrer ostdeutschen Prägung liege. „Die Ostfrauen haben oft so eine Art Furchtlosigkeit. Vielleicht, weil sie sich mehr zutrauen und weniger Selbstzweifel haben.“

Anruf von der Kanzlerin

Am Dienstag meldete sich auch eine andere Ostfrau bei Manuela Schwesig. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nach Angaben ihres Regierungssprechers mit Schwesig telefoniert und „ihr von Herzen gewünscht, dass sie wieder ganz gesund wird“.
In ihrer Nachricht auf Twitter verweist Manuela Schwesig auf ein Zitat aus einem Gedicht des lutherischen Theologen Dietrich Bonhoeffer. „Von guten Mächten wunderbar geborgen ... Darauf vertraue ich.“
Und einmal mehr, so ist ihr zu wünschen, auf ihre Hartnäckigkeit.