Schönheitswettbewerbe: Was soll das?

Die Wahl zur Miss Germany soll zeitgemäßer werden. Doch das verkennt die Absurdität solcher Wettbewerbe.

Rust-Mal ehrlich: Miss Germany? Fräulein Deutschland? An diesem Sonnabend fand in Rust bei Freiburg unter dem nämlichen Titel ein Schönheitswettbewerb statt.

Die Kandidatinnen für die Wahl zur „Miss Germany 2020“ in Rust.
Die Kandidatinnen für die Wahl zur „Miss Germany 2020“ in Rust.dpa

Das Wort Fräulein mag in Hinblick auf das Gründungsjahr der Veranstaltung, 1927, gerade noch angemessen erscheinen, im Jahre 2020 trauen sich das F-Wort eigentlich nur noch jene Ewiggestrigen zu, die ihre aggressive Einfaltspinselei mit galanter Weltläufigkeit verwechseln. Denn in dem zweifelhaften Ehrenwort Fräulein artikuliert sich doch vor allem das Phantasma von knospenzarter Jungfräulichkeit, die sich mit einem gockelstolzen Jedermann in die heilige Reproduktionsordnung heineindrangsaliert.

Miss Germany: Sozial engagiert statt nackt

Die Veranstalter in Rust geben sich seit einiger Zeit große Mühe, zeitgemäß zu erscheinen. So sollen längst nicht mehr nur halbnackte Frauen als willfähriges Paarungsmaterial vorgeführt, sondern renommierte Tugenden wie diskursive Intelligenz und soziales Engagement belohnt werden.

Als Abstandshalter zum früher propagierten Ideal soll diesmal die Teilnahme zweier junger Mütter dienen – wovon eine gewonnen hat, Leonie Charlotte von Hase. Und dann wurde ja auch noch die Wettbewerbsjury von allen Männern befreit und damit vollständig in Frauenhand gelegt. Na, ist das toll? Nein.

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Foto: dpa/Patrick Seeger
Miss Germany
Die Online-Unternehmerin Leonie Charlotte von Hase aus Kiel ist die  „Miss Germany 2020“. Von Hase war nach Veranstalterangaben die älteste Teilnehmerin des diesjährigen Wettbewerbs und ist die erste Mutter mit einem Titel überhaupt. Sie war im Dezember „Miss Schleswig-Holstein“ geworden und hatte sich so für die deutschlandweite Wahl qualifiziert. Geboren ist sie in Namibia, heute lebt sie in Kiel.

Miss-Germany-Wahl ist praktizierter Zynismus

Denn: Fräulein bleibt Fräulein. Oder, mit anderen Worten: Das sexistische Geschäftsmodell wird hier als feministischer Befreiungsakt kaschiert. Das ist praktizierter Zynismus, aber damit noch lange kein Alleinstellungsmerkmal der Miss-Germany-Kür oder anverwandter Schönheitskonkurrenzen. Fräulein-Wettbewerbe waren nie viel mehr als Willfährigkeitsübungen an und mit Frauenkörpern. Pin-ups im Dienste einer reichlich beliebigen Sache. Hier nur ein paar Beispiele.

Miss Atom

Witze mit strahlender Schönheit oder energiegeladenen Kandidatinnen liegen fast schon auf der Hand, wenn man dieses Kuriosum einer Misswahl betrachtet. Ebenso liegt auf der Hand, warum sich die russische Nuklearindustrie einfallen ließ, von 2004 bis 2011 alljährlich eine „Miss Atom“ zu küren. Um das Image der Branche stand es seit der Katastrophe von Tschernobyl nicht zum Besten: Der Wettbewerb solle zeigen, „dass hier ganz normale Leute und sogar ziemlich hübsche Mädchen arbeiten“, ließ der damalige Projektleiter wissen. Der von mächtigen und solventen Unterstützern im Hintergrund begleitete Contest animierte denn auch zahlreiche Frauen, sich zu bewerben – unter anderem mit Bikinifotos, aufgenommen vor einem Atomkraftwerk. Mr. Burns, übernehmen Sie!

Miss Knast

Wer ist die Schönste im ganzen Knast? Diese Frage stellt sich in Frauengefängnissen in Brasilien, Mexiko oder Kolumbien in regelmäßigen Abständen. Dann nämlich, wenn sich weibliche Gefangene in Schale werfen und manchmal gar in selbst genähten Galaroben auf reichlich improvisierte Laufstege treten. Der Wettbewerb soll nicht nur ein Krönchen erbringen, sondern letztlich das Selbstbewusstsein der Teilnehmerinnen stärken. Wer die Zustände in brasilianischen Gefängnissen kennt, mag zumindest zugestehen, dass eine anerkannte Stellung hinter Gittern von Vorteil sein kann.

Bei einer Misswahl treten die zahlreichen Frauen an (Symbolfoto).
Bei einer Misswahl treten die zahlreichen Frauen an (Symbolfoto).Patrick Seeger

Miss Landmine

Auch dem hartgesottenen Freund von Schönheitswettbewerben dürfte hier der Atem stocken: Im kriegsversehrten Angola wurde 2008 eine „Miss Landmine“ gewählt. An der Konkurrenz nahmen 18 Frauen teil, die jeweils, so lautete die Teilnahmevoraussetzung, bei der Explosion einer Tretmine verkrüppelt wurden. Als Siegerin konnte sich die 31 Jahre alte Augusta Urica durchsetzen. Sie erhielt eine maßgefertigte Prothese und umgerechnet 1600 Euro Preisgeld. Die Idee für die Miss-Wahl, die sowohl die Regierung des afrikanischen Staates als auch die Europäische Union unterstützen, hatte ein norwegischer Künstler: Morten Traavik war erschüttert vom Leid der Minenopfer – in Angola leben etwa 80000 Amputierte – und ersann deswegen ein „Kunstprojekt mit humanitärem Anspruch“. So etwas geht schief: Ästhetische Fragen sind keine moralischen Fragen. Basta!

Miss Obdachlos

Einfach mal was Gutes tun: Im Jahre 2009 begab es sich, dass in Belgien ein Schönheitswettbewerb für obdachlose Frauen abgehalten wurde. Siegerin war damals die 58-jährige Thérèse Van Belle – sie durfte für ein Jahr mietfrei in einem eigenen Häuschen wohnen und kostenlos zum Friseur gehen. Der Frau konnte also geholfen werden, in vielen Interviews zeigte sie sich auch sehr dankbar. Dennoch bleibt die Frage, ob sich ein sozialer Missstand – allein Brüssel zählte damals 2000 Wohnungslose – durch eine Misswahl beheben lässt. Die Rede davon, dass doch immerhin unsere Aufmerksamkeit auf ein dringendes Problem gelenkt wird, verfängt nicht. Sie soll allenfalls unser Gewissen beruhigen. Denn: Es ist kaum eine größere Untreue denkbar als bei unserer Aufmerksamkeit.

Miss Plastic

Da macht sich ein Schönheitswettbewerb doch endlich einmal ehrlich: Wer bei „Miss Plastic Hungary“ den Hauch einer Chance haben will, muss sich vorher unters Messer eines Schönheitschirurgen begeben haben und dies auch mit einem ärztlichen Attest beweisen können. Und damit wir’s ganz klar haben: Eine Botox-Behandlung reicht nicht aus. Nur Brustvergrößerung, Nasenbegradigung oder Fettabsaugung führen zum Ruhm. In dem Geschäft mit der Schönheit gibt es nichts Natürliches – selbst wenn es sich so nennt. In Ungarn hat man das offenbar verstanden.

Miss Reptilium

Wer diese Wahl gewinnen wollte, sollte keine Berührungsängste mit Schlangen, Skorpionen oder Vogelspinnen haben. Schließlich wurde man auf dem Laufsteg des Wettbewerbs zur „Miss Reptilium“ mit allerlei Krabbel- und Kriechtier behängt. Ein für Mensch wie Tier gleichermaßen entwürdigendes Szenario, dessen man sich auch in der TV-Show „Germany’s next Topmodel“ gern bedient. Ein privater Reptilienzoo in Landau in der Pfalz richtete zuletzt 2011 diesen Beauty-Contest aus. Und weil im Ekelsegment noch Platz für allerlei andere Geschmacklosigkeiten ist, hatten sich die Veranstalter für die Kandidatinnen obendrein einige Dschungelprüfungen ausgedacht: Ein Busserl für den Tausendfüßer, ein Schmatzer für die Echse – da wünscht man sich ja fast schon die Wein-, Apfel- oder Spargelköniginnen zurück.