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Herr Neubacher, ist ein Renommier-Projekt wie die Erforschung der Kirchenakten mit Blick auf sexuellen Missbrauch nicht von hohem Reiz?

Wer investiert als Wissenschaftler schon gern seine knappe Zeit, wenn er befürchten muss, dass der Projektpartner die ursprünglich getroffenen Vereinbarungen nach Gutdünken ändern will? Allein das wird es der Kirche nach der Trennung von Christian Pfeiffer schwer machen, einen kompetenten Nachfolger für ihr Projekt zu finden. Zumal dieser im Verdacht stünde, es der Kirche recht machen zu wollen. Die Aufgabe wäre also eine doppelte: die katholische Kirche zur verlässlichen Kooperation motivieren und die Öffentlichkeit davon überzeugen, dass alles nach wissenschaftlichen Standards zugeht.

Ein Himmelfahrtskommando?

Zumindest eine sehr ungünstige Ausgangsposition. Dass Christian Pfeiffer nach dem Scheitern der Zusammenarbeit zu allem Überfluss auch noch juristisch von der Kirche behelligt wird, wird auch nicht gerade die Bereitschaft von Kollegen erhöhen einzuspringen.

Wirkt ein Korpsgeist unter den Kriminologen?

Den gibt es nicht. Wohl aber ein Stück Solidarität mit einem Kollegen, der jetzt auf – wie ich meine – unfeine Weise bedrängt wird.

Fürchten Sie auch um den Ruf Ihrer Fachdisziplin?

Der Ruf der Kriminologie ist nicht beschädigt. Es handelt sich hier um einen Grundkonflikt zwischen Kirche und Wissenschaft mit jeweils sehr verschiedenen Kommunikationskulturen. Auf der Seite der Wissenschaft hat man vielleicht den Mut und die Entschlossenheit von Teilen der Bischöfe überschätzt, sich der Aufklärung des Missbrauchsskandals ohne Wenn und Aber zu öffnen. Auf der Seite der Kirche war man sich offenbar nicht ausreichend genug darüber im Klaren, dass die Unabhängigkeit der Wissenschaft sich nicht im Sammeln und Erheben von Daten erschöpft. Die wissenschaftliche Einordnung der Daten gehört wesentlich dazu. Man kann keinem Wissenschaftler zumuten, er solle bitteschön die Daten liefern, um deren Deutung sich der Auftraggeber dann selbst kümmern werde.

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Aber jeder, der sich Forscher ins Haus holt, wird einen Fuß in der Tür zum Arbeitszimmer behalten wollen.

Auch die Freiheit des Wissenschaftlers hat Grenzen. Selbstverständlich muss er Gesetze und Bestimmungen einhalten. Detaillierte Datenschutzkonzepte der Forscher zum Beispiel sind Standard bei so großen Projekten. Auf Bedenken, Wünsche und Probleme des Projektpartners Rücksicht zu nehmen, ist ebenfalls völlig normal. In diesem Fall aber wollten Teile der Kirche offenbar wiederholt nachverhandeln und „nachbessern“. Wenn sich so etwas hinzieht und die Kirche Festlegungen scheut, kann ich gut nachvollziehen, dass ein Kollege die Notbremse zieht.

Hat die Fortsetzung der Arbeit überhaupt noch Sinn?

Die Kirche steht unter gewissem Zugzwang, weil es bislang so aussieht, als wäre es mit der rückhaltlosen Aufklärung und Transparenz doch nicht so weit her. Dass sie aber allein deshalb auf Erfolg um jeden Preis setzt, glaube ich nicht. Man weiß ja, dass Teile der Kirche durchaus fähig und willens sind, Gegenwind und harsche Kritik zu ignorieren und auf Zeit zu spielen. Gleichwohl ist ein erfolgreicher Abschluss der Forschung oder einiger Teile davon möglich. Es gibt in der Kirche Kräfte, die auf Offenheit drängen. Ich läute also nicht die Totenglocke.

Das Gespräch führte Joachim Frank.