WASHINGTON - Geschickter hätte der Zeitpunkt nicht gewählt sein können. Demnächst beginnt die Vorauswahl für die Oscars, die Anfang März verliehen werden. Woody Allens neuer Film „Blue Jasmine“ ist für drei der begehrten Auszeichnungen nominiert. Doch ob der 78 Jahre alte Regisseur aus New York zum fünften Mal in seiner langen Karriere den Preis in Empfang nehmen kann, ist ungewiss.

Denn seine Adoptivtochter Dylan Farrow erhebt schwere Vorwürfe: Woody Allen habe sie vor mehr als 20 Jahren sexuell missbraucht. „So lange ich mich erinnern kann, hat mein Vater Dinge getan, die ich nicht mochte“, schrieb die 28-jährige Frau: „Als ich sieben Jahre alt war, nahm mich Woody Allen bei der Hand und führte mich in eine dunkle Kammer in unserem Haus. Er sagte mir, dass ich mich auf den Bauch legen und mit der elektrischen Eisenbahn meines Bruders spielen solle. Dann missbrauchte er mich sexuell.“ Dabei habe er ihr ins Ohr geflüstert, dass ich ein „gutes Mädchen“ sein, dass das unser Geheimnis sei, dass er mich nach Paris mitnehmen werde, dass ich ein Star in seinen Filmen würde, schrieb Dylan Farrow.

Allen will sich bald äußern

Allen wies die Vorwürfe inzwischen zurück. Seine Sprecherin Leslee Dart meldete sich mit einer schriftlichen Erklärung zu Wort, in der es hieß, Allen habe das Schreiben seiner Adoptivtochter gelesen und werde sich „sehr bald“ dazu selbst äußern. Soviel aber schon einmal vorab: Die Anschuldigungen seien „unwahr und erbärmlich“. Schon vor mehr als 20 Jahren seien ähnliche Vorwürfe erhoben und schließlich „nach einer gründlichen Überprüfung“ von unabhängigen Experten aufgrund fehlender Beweise verworfen worden. Dylan Farrow, so das Ergebnis der Untersuchung Anfang der 90er-Jahre habe nicht zwischen Fantasie und Realität unterscheiden können. Wahrscheinlich sei sie von ihrer Mutter Mia Farrow angehalten worden, den Adoptivvater zu beschuldigen, erklärte die Sprecherin: „Zu einer Anklage kam es nicht.“

Mia Farrow und Woody Allen hatten sich 1992 nach zwölfjähriger Beziehung getrennt. Anlass waren von Allen aufgenommene Nacktfotos von Soon-Yi Previn, einer Adoptivtochter Farrows aus einer früheren Beziehung. 1997 heirateten Allen und Soon-Yi.

Während des Prozesses, der auf das Zerwürfnis des Regisseurs mit der Schauspielerin folgte, ging es um das Sorgerecht für die zwei Adoptivkinder Moses und Dylan sowie für ihren gemeinsamen Sohn Stachel, der sich heute Ronan Farrow nennt. Damals erhob Mia Farrow erstmals Missbrauchsvorwürfe. Vor Gericht verlor Allen zwar das Sorgerecht, doch für eine Verurteilung wegen sexueller Übergriffe reichten die Beweise nicht aus.

Obwohl Allen niemals überführt wurde, nahm sein Image schweren Schaden. Seit einigen Monaten, sagten jetzt professionelle Beobachter der Filmszene, habe sich wieder angedeutet, dass die Angelegenheit aus den frühen 90er-Jahren nicht vorbei sei. In der Zeitschrift Vanity Fair war im November wieder von Missbrauch die Rede. Ein Vertrauter Allens sagte damals dem Sender CNN, der Artikel sei fiktiv und absurd. Im Januar, als Allen mit einem Golden Globe für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, legte Adoptivsohn Ronen Farrow nach. Auf Twitter schrieb er, ob etwa während der Preisverleihung auch erwähnt worden sei, dass Allen ein sieben Jahre altes Mädchen sexuell belästigt habe.

Dylan Farrows Brief an die New York Times

Jetzt kam der offene Brief von Dylan Farrow an die Zeitung New York Times hinzu. Darin beschreibt die Frau detailliert die Folgen des angeblichen Missbrauchs. Sie habe jahrelang darunter gelitten, dass Allen nicht verurteilt worden sei, so Dylan Farrow. „Ich war von Schuld erfüllt, dass ich es war, die es zuließ, dass er in der Nähe anderer kleiner Mädchen war. Ich wollte mich nicht von Männern anfassen lassen, ich hatte eine Essstörung, ich begann, mir selbst Verletzungen zuzufügen.“

In ihrem Schreiben nahm sich die 28-Jährige auch die Filmwelt vor. Viele Hollywood-Stars hätten die Augen verschlossen und weiter mit Allen gearbeitet. So etwa Cate Blanchett und Alec Baldwin, die Hauptdarsteller in seinem Film „Blue Jasmine“. „Was, wenn es Dein Kind gewesen wäre, Cate Blanchett, Alec Baldwin?“, fragte Dylan Farrow: „Du hast mich als kleines Kind gekannt, Diane Keaton. Hast Du mich vergessen?“

Die Reaktionen waren bislang spärlich. Baldwin erklärte auf Twitter, die Angelegenheit sei eine Familiensache, die er nicht zu kommentieren habe. Blanchett, wie ihr Regisseur für einen Oscar mit „Blue Jasmine“ nominiert, habe sich ähnlich geäußert, so das Blatt Hollywood Reporter.

Auch wenn der offene Brief keinen Einfluss auf die Entscheidung der Oscar-Jury haben sollte, in einem sind sich die Beobachter in den USA sicher: Woody Allen wird in den nächsten Wochen keinen Schritt in die Öffentlichkeit machen können, ohne nach einem Kommentar zu den Vorwürfen gefragt zu werden.