Berlin - Ich bin in einer Ostberliner Erdgeschosswohnung aufgewachsen. Nach vorne raus, vorm Küchenfenster, hielt der Bus und staute sich der Verkehr, aber hinterm Haus gab es einen Spielplatz, eine Wiese, Apfelbäume, Tischtennisplatten, noch einen Spielplatz, noch eine Wiese, noch mehr Bäume, noch mehr Tischtennisplatten.

Kinder und Katzen konnten ohne Begrenzung von Hof zu Hof wechseln. Ich will das nicht verklären. Mangels Zäunen gab es auch kein Entkommen vor den fiesen Nachbarskindern, den gefürchteten „Großen“, die uns Kleinen die Sandburgen zertrampelten, uns in die Brennnesseln warfen, oder uns festhielten, um mit uns „Mund-auf-Augen-zu“ zu spielen, um uns Sand und Kieselsteine in den Mund zu stecken.

Nun bin ich erwachsen. Als wir hierher gezogen sind, konnten die Kinder noch problemlos auf den Nachbarhof gehen und dort auf dem Trampolin springen. Dann fühlte man sich nebenan gestört und der erste Zaun wurde errichtet.

Nun konnten die Nachbarskinder eben auch nicht mehr zu uns auf die große Wiese zum Spielen rüberkommen, dafür aber in Ruhe auf ihrem Trampolin springen und vielleicht ist das ja – ausgehend von meinen Kindheitserfahrungen – besser so.

So sind nun wir nun alle beschützt

Dann gefiel es den Vermietern der Ferienappartements auf dem anderen Hof nicht mehr, dass wir über ihr Grundstück den Weg zu Nebenstraße und Späti abkürzen konnten und auch sie zäunten sich ein. Dafür müssen die Ferienapartment-Mieter jetzt auf ihren ebenso teuren, wie schattigen, wie winzigen Balkonen verharren und können sich nicht mehr auf unserer Wiese in die Sonne legen. So sind nun wir nun alle beschützt: Vor Einbrechern, vor Obdachlosen, Fahrraddieben und voreinander.

Also ich wäre auf jeden Fall lieber in einem kleinen umzäunten Privatgarten aufgewachsen, aber trotzdem: Die Kindheitswelt zwischen den Häusern hing zusammen. Herumstreunen, Klingelstreiche machen, Äpfel klauen, die entlaufene Katze suchen, in fremden Kellern stöbern, Wege abkürzen und Opfer der „Großen“ werden: Alles war möglich.

Mit dieser Art Freiheit ist es seit dem Mauerfall vorbei. Die große Mauer fiel, aber stattdessen wurden viele kleine Mauern errichtet. Die Stadt wurde privatisiert, parzelliert, verkauft und eingezäunt. Denn Leben ohne Grenzen ist gefährlich. Privateigentümer, Versicherungen und ich bestätigen das gern.