Südkoreaner demonstrieren in Seoul für eine Annäherung an den Norden.  
AP Photo/Ahn Young-joon

BerlinAls Mitte April in Nordkorea ein Marschflugkörper getestet wurde, hätte man im Süden Alarm schlagen können. Fast 70 Jahre nach Ausbruch des Koreakriegs, der 1953 nur durch einen Waffenstillstand beigelegt wurde, hätte der Waffentest wie eine Kampfansage wirken können. Aber in Südkorea reagierte man eher mit Achselzucken. Die Raketen ist man längst gewohnt. Eskapaden aus dem Norden sieht man im Süden immer mehr mit Gleichgültigkeit.

Doch die fast schon betonte Gelassenheit, mit der die jüngste Drohgebärde quittiert wurde, könnte einen weiteren Grund haben: In Zeiten von Covid-19 breitet sich im Süden ein Gefühl der Sorge über die Lage im verfeindeten Bruderstaat aus. Während nämlich Südkorea zum Vorbild im Krisenmanagement wurde, herrscht über Nordkorea großes Rätselraten. Kann es wirklich wahr sein, dass es dort noch keinen einzigen Infektionsfall gibt, wie gegenüber der Weltgesundheitsorganisation WHO bislang vermeldet worden ist?

Bereits Ende Januar hatte Nordkorea die Landesgrenzen zu China und Russland geschlossen. Allerdings berichtete das südkoreanische Fachmedium Daily NK Anfang März mit Berufung auf eine anonyme Quelle, dass an die 200 Soldaten entlang der Grenze zu China Fiebersymptome gezeigt hätten. Mitte April berichtete dann CNN, Staatschef Kim Jong-un sei schwer krank, was von nordkoreanischen Behörden aber zurückgewiesen wird.

Sollte das Virus entgegen eigener Darstellung doch in Nordkorea grassieren, könnten die Folgen für das Land und sein labiles Gesundheitssystem verheerend sein. Im Gesundheitsindex der Johns Hopkins University belegt Nordkorea von 195 Ländern Platz 193.

Einige Indizien sprechen dafür, dass Corona in Nordkorea längst angekommen ist. Der amerikanische Sender Radio Free Asia berichtete Mitte April, dass nordkoreanische Behörden öffentliche Vorträge über Covid-19 gehalten hätten. Die Bevölkerung wurde demnach darüber informiert, dass seit März Infektionsfälle festgestellt worden seien. Die Regionen um die Hauptstadt Pjöngjang, das fast an Südkorea angrenzende Süd-Hwanghae sowie das an der Nordgrenze gelegene Nord-Hamgyong seien betroffen.

Südkorea reagiert auf entsprechende Meldungen hilfsbereit. Am vergangenen Donnerstag verkündete die Regierung, dass sie einer NGO genehmigt habe, 20.000 Schutzanzüge im Wert von 160.000 US-Dollar nach Nordkorea zu verschicken. Kurz zuvor hatte die Regierung bereits die Sendung von Desinfektionsmitteln genehmigt.

Während Südkoreas Gesellschaft zu Beginn der Coronakrise dadurch beeindruckte, dass in großem Ausmaß an Bedürftige im eigenen Land gespendet wurde, profitiert nun also auch der Nachbar im Norden von diesem Mitgefühl.

Allerdings gefällt das nicht jedem. Südkoreas Gesellschaft ist in dieser Frage gespalten. Während konservative Kräfte eher für Konfrontation plädieren, setzen sich die Liberalen, die derzeit die Regierung stellen, für Annäherung ein. So wollen liberal denkende Südkoreaner die UN-Sanktionen gegenüber Nordkorea, die den internationalen Handel mit diversen Produkten aus dem Land verbieten, baldmöglichst aufheben.

Nach wie vor ist eine Mehrheit der südkoreanischen Bevölkerung für eine Wiedervereinigung mit dem Norden. Und selbst diejenigen, die dem Regime kritisch gegenüberstehen, sind doch mitfühlend mit den Menschen im Nachbarland. Flüchtlinge aus dem Norden finden häufig im konservativen Lager des Südens eine neue politische Heimat. Unter ihnen viele, die heute die härtesten Gegner von Hilfeleistungen sind.

Das ändert nichts daran, dass gerade jetzt Kontakte ausgebaut werden. Yoon Sang-hyun, Vorsitzender des parlamentarischen Ausschusses für Außenpolitik in Südkorea, sagte unlängst: „Jetzt ist die Zeit, um ein Kooperationssystem aufzubauen, das gegen Konflikt ausgerichtet ist. (…) Wir müssen eine breitflächige Quarantänekooperation durch die offiziellen Kanäle einrichten.“ Zudem sei zu überlegen, ob Südkorea nicht auch medizinisches Personal in den Norden schicken könne.

So könnten die beiden Koreas bald gemeinsam gegen das Virus angehen. Kim Jin-hyang, Direktor des in Nordkorea gelegenen Industriekomplexes Kaesong, erklärte vor Wochen, dass die von ihm verwaltete Anlage binnen kurzer Zeit sechs Millionen Schutzmasken pro Tag herstellen könnte. Der Komplex Kaesong, wo einst südkoreanische Betriebe mit nordkoreanischem Personal Waren produzierten, wurde 2016 infolge diplomatischer Spannungen außer Betrieb genommen.

Die Hilfsbereitschaft des Südens könnte noch zunehmen, sobald sich der Norden eingestehen würde, Hilfe zu brauchen. Derzeit seien mehreren nicht-staatlichen Institutionen die Hände gebunden, obwohl sie gern loslegen würden, ist zu erfahren.

So sagt Katharina Puche, Pressesprecherin des Deutschen Roten Kreuzes: „Im Kontext der internationalen Rotkreuz- und Halbmondbewegung stehen wir prinzipiell bereit, auf ein Hilfegesuch zu reagieren. Dieses muss allerdings offiziell an uns herangetragen werden.“

So ähnlich ist das wohl auch mit der südkoreanischen Bevölkerung. Die gebürtige Südkoreanerin Nataly Han, Vorsitzende des in Berlin angesiedelten Korea-Verbands, ist sich sicher, dass es für mehr Hilfe aus dem Süden nur einen Hilfeschrei aus dem Norden bräuchte. „Sehr viele Menschen im Süden wären ganz bestimmt bereit, die Menschen im Norden zu unterstützen. Es herrscht viel Mitgefühl.“