Der Auftakt hätte für den Berliner CDU-Generalsekretär Kai Wegner nicht schlechter laufen können. Am Freitagmorgen läutete er die Auszählung der CDU-Mitgliederbefragung zur Ehe für alle ein. Anderthalb Monate hatte Wegner für die Abstimmung– es war die erste in der Union zu einer Sachfrage – und für die Öffnung der Ehe im Besonderen geworben.

Für Wegner ist es eine zentrale Frage, er wirbt für einen liberaleren Kurs in der CDU, nur so kann sie aus seiner Sicht in den Metropolen Wahlen gewinnen. Feierlich öffnete der 42-Jährige also vor Journalisten den ersten Umschlag und las das Votum eines CDU-Mitglieds vor: „Ich stimme gar nicht zu.“ Das sei wohl ein schlechtes Omen, entfuhr es Wegner.

Und seine Befürchtungen bewahrheiteten sich. Mit 52 Prozent sprachen sich die Berliner CDU-Mitglieder gegen die Öffnung der Ehe aus, nur 42 Prozent stimmten dafür. Um vier Uhr nachmittags trat Parteichef Frank Henkel vor die Presse, um das Ergebnis zu kommentieren, etwas blass stand Wegner neben ihm. „Hier steht ein stolzer Landesvorsitzender vor Ihnen, ich bin nicht enttäuscht“, rief Henkel.

Dabei hätte Henkel Grund dazu, denn seine Partei hat anders gestimmt als er. „Wie Sie wissen, bin ich Katholik, und ich habe mit mir gerungen.“ Schließlich habe er aber sein Kreuz bei der Antwort „Stimme eher zu“ gesetzt. Seine Meinung kundgetan hatte Henkel im Vorfeld aber nicht, er ließ die Diskussion laufen und wurde am Freitag nicht müde, sie zu loben. „Das ist gelebte Demokratie, das ist vorbildlich für die Union.“ Demokratie heiße aber auch, die Meinung anderer zu respektieren.

Große Namen zogen nicht

Für viele CDU-Mitglieder bedeutet das nun, dass sie die abweichende Meinung ihres Vorsitzenden respektieren müssen. Zumindest die über 60-Jährigen, die mit deutlicher Mehrheit gegen die Ehe für alle gestimmt haben und damit die Voten der jüngeren Mitglieder überlagerten. Bei den unter 60-Jährigen stimmten deutlich mehr Mitglieder für als gegen die Ehe für alle – doch wie viele andere Parteien ist die CDU überaltert.

Dass er damit rechnete, dass die CDU-Mitglieder in seinem Sinn abstimmen würden, machte Kai Wegner frühzeitig klar. Schließlich gibt es bundesweit unter CDU-Anhängern laut einer Umfrage eine deutliche Mehrheit für die Ehe für alle. Und schließlich wusste er unter anderem Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Bundesgeneralsekretär Peter Tauber an seiner Seite. Doch die großen Namen zogen nicht. Und vielleicht ist es ja auch der Wille nach Selbstbehauptung, der aus dem Mitgliedervotum spricht.

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Anfang Juni war die Frage nach der Öffnung der Ehe unerwartet über die schon sommerdösige Berliner Landespolitik hereingebrochen. Nachdem die Iren sich in einem Referendum für die Ehe für alle ausgesprochen hatten, wollten mehrere SPD-regierte Länder eine entsprechende Initiative im Bundesrat einbringen. Eine Zustimmung Berlins wollte Frank Henkel per Veto im Senat verhindern.

Dennoch ließ der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) bis kurz vor der Abstimmung offen wie er sich verhalten würde. Erst am Tag vor der Bundesratssitzung, als schon über einen Bruch der rot-schwarzen Koalition spekuliert wurde, kündigte er im Abgeordnetenhaus die Enthaltung an und kritisierte die CDU zugleich scharf. „Die Debatte über die Öffnung der Ehe ist längst geführt. Wer den Weg nicht mitgehen will, hat die Stadt nicht verstanden“, sagte er an die Adresse des Koalitionspartners – und erntete begeisterten Applaus von der Opposition.

Konservative warnen vor Präimplantationsdiagnostik für alle

Die CDU sah sich an den Rand gedrängt und als rückständig diffamiert – und das wegen einer symbolischen Frage, auf Länderebene wird schließlich nicht über die mögliche Reform der Ehe entschieden. „Ich hätte fast angekreuzt, dass ich das Thema nicht wichtig finde“, sagte eine erklärte Gegnerin der Ehe für alle in dieser Woche. „Wir haben andere Dinge zu tun, die viel wichtiger sind, aber das hat jetzt wochenlang alles überschattet.“

Immerhin, die Partei hat den Richtungsstreit ausgehalten. Sachlich seien die internen Diskussionsveranstaltungen in den letzten Wochen verlaufen, hieß es übereinstimmend. Die Befürworter einer Liberalisierung – unter ihnen Justizsenator Thomas Heilmann, Wirtschaftssenatorin Cornalia Yzer und Fraktionsvize Stefan Evers – versuchten den Gegnern klarzumachen, dass es in Wirklichkeit um die Verbreitung konservativer Werte gehe, schließlich sei die Ehe ein solcher.

Die Konservativen – darunter die Abgeordneten Burkhard Dregger und Cornelia Seibeld und der frühere Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen - warnten vor den Debatten, die einer Gleichstellung aus ihrer Sicht folgten: Eizellenspende, Leihmutterschaft, Präimplantationsdiagnostik für alle.

Am Ende konnten sie sich durchsetzen. Zumindest bei den Älteren.

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