Ein Abstrich wird für die PCR-Analyse vorbereitet. Das flächendeckende Testen sei auch bei niedrigen Fallzahlen wichtig, um neue Herde so schnell wie möglich zu erkennen und einzudämmen, sagt die Physikerin Viola Priesemann.
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BerlinIhre Botschaft war bedenkenswert, aber sie verpuffte. Ende April hatten Experten von vier deutschen Forschungsorganisationen eine Stellungnahme über Strategien zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie vorgelegt. Darin plädierten sie dafür, das Coronavirus in Deutschland zunächst weiter zurückzudrängen, bevor der Shutdown beendet wird. Doch bald darauf beschlossen die Ministerpräsidenten der Länder in einer Telefonkonferenz mit der Bundeskanzlerin teils schnelle und weitreichende Lockerungsmaßnahmen. Die Modellierungsexpertin Viola Priesemann vom Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation und die anderen Autoren der Stellungnahme sind darüber nicht sonderlich glücklich. „Vielleicht hätten wir uns lauter zu Wort melden müssen“, sagt die Physikerin. Denn aus ihrer Sicht wurde eine Chance vertan, mit der Deutschland auch schneller wieder weitreichende Normalität hätte gewinnen können.

Frau Priesemann, warum wollten Sie der Republik noch eine Weile strenge Kontaktsperren verordnen?

Wir haben gesehen, dass der Shutdown viel bewirkt. Innerhalb eines Monats sind die täglichen Neuinfektionen um den Faktor fünf zurückgegangen, die Reproduktionsrate war auf 0,7 gesunken -  was bedeutet, dass zehn Infizierte rein rechnerisch sieben Personen neu anstecken. Bei einem solchen Wert geht das Infektionsgeschehen zurück. Hätten wir die strengen Maßnahmen noch zwei Wochen durchgehalten, wären wir spätestens Ende Mai bei wenigen hundert Neuinfektionen pro Tag gewesen. Und dann wäre es wesentlich einfacher geworden, die Pandemie hierzulande in Schach zu halten: Es klingt vielleicht paradox, aber: Je weniger Neuinfektionen wir haben, desto leichter lässt sich die Ausbreitung zurückdrängen. Gleichzeitig könnten wir uns wieder mehr Freiheiten erlauben – und zwar langfristig.

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Zur Person

Viola Priesemann (38) ist Physikerin und leitet am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen eine Forschungsgruppe. Mit ihrem Team forscht sie zu Ausbreitungsprozessen. Gemeinsam mit Wissenschaftlern des Göttingen Campus untersucht sie den Verlauf der Corona-Epidemie in Deutschland. Priesemann ist eine Autorin der Stellungnahme „Adaptive Strategien zur Eindämmung der Covid-19-Epidemie“, die die vier außeruniversitären Forschungsorganisationen Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft und Leibniz-Gemeinschaft Ende April veröffentlichten.

Warum geht das bei einer geringen Zahl besser?

Je geringer die Anzahl der Neuinfektionen, desto besser und schneller kann jede einzelne Infektionsketten nachvollzogen werden. Damit ist die Ausbreitung auch viel leichter unter Kontrolle zu halten – durch akribische Kontaktnachverfolgung und durch konsequentes Testen. Das flächendeckende Testen ist dann wichtig, um neue Herde so schnell wie möglich zu erkennen und dann einzudämmen.

Derzeit sind wir bundesweit bei rund 1000 Neuinfektionen pro Tag. Man sollte meinen, dass die Gesundheitsämter das auch schaffen.

Die Kapazitäten der Gesundheitsämter kenne ich nicht genau. Es ist aber nicht einfach, die Infektionsketten lückenlos nachzuvollziehen. Da mit den Lockerungen die Zahl der Kontaktpersonen, die ein Infizierter hat, nun auch wieder steigt, wird die Kontaktnachverfolgung auch aufwändiger. Und selbst wenn sie gelänge, müsste man sehr viele Menschen in vorsorgliche Quarantäne schicken. Wenn pro Tag 1000 neue Infektionen entdeckt werden, und diese im Schnitt zu zehn Personen engen Kontakt hatten, dann müssen jeden Tag aufs Neue 10.000 Menschen in eine zweiwöchige Quarantäne. Auf Dauer ist das sicher kein wünschenswerter Zustand.

Und wie sollte das konsequente Testen aussehen, wenn es nur noch so wenig Neuinfektionen gibt? Schon jetzt hört man, dass kaum noch etwas gefunden wird bei den Tests.  

An sich ist das ja eine gute Nachricht. Es ist extrem wichtig, jeden Ausbruch so früh wie möglich zu entdecken. Um effizient vorzugehen, könnte man Tests von bestimmten Gruppen bündeln, etwa von Bewohnern einer Pflegeeinrichtungen. Man würde also zum Beispiel zehn Abstriche machen, diese aber für eine PCR-Untersuchungen zusammenlegen und auswerten. Nur wenn dabei das Virus gefunden wird, wären individuelle Tests notwendig. Auf diese Weise ließen sich mit der derzeitigen Kapazität von einer Million PCR-Tests pro Woche zehn Millionen Menschen testen. Bei niedrigen Infektionszahlen könnte man theoretisch auch mehr Tests bündeln.

Sie sagen, dass wir uns bei einer niedrigen Zahl von Neuinfektionen auch wieder mehr Freiheiten erlauben können. Was wäre dann alles möglich?

Wenn es gelingt, alle Infektionsketten nachzuverfolgen und dadurch die Neuinfektionen zurückzudrängen, ist fast alles wieder möglich. Restaurants könnten voll öffnen, Schulen, Kitas. Mit Großveranstaltungen bleibt es vermutlich schwierig, weil da die Nachverfolgung kaum zu schaffen ist. Aber wenn zum Beispiel ein Landkreis über längere Zeit keinerlei Neuinfektionen hatte, sind lokal auch größere Feste denkbar. Vor allem wäre dann das Vertrauen wieder da. Zurzeit gehen Risikopersonen und deren Angehörige wahrscheinlich noch nicht in die wieder geöffneten Restaurants – einfach weil die Angst noch groß ist, sich anzustecken.

Demnach wäre Ihre Strategie auch im Sinne der Wirtschaft.

Auch da ist Vertrauen wichtig, damit Investitionen geschehen und geplant werden kann. Und je weniger Neuinfektionen es gibt, desto besser ist das auch für die Wirtschaft. Denn wenn in einem Betrieb immer wieder Infektionen auftreten und zumindest einzelne Abteilungen geschlossen werden müssen, weil die Mitarbeiter in Quarantäne sind, gibt es finanzielle Einbußen. Jede Infektion in einem Betrieb kostet de facto Geld.

Im Grunde peilen Sie mit Ihrer Strategie eine Ausrottung des Virus an. Von diesem Ziel war aber offiziell nie die Rede. Es ging immer nur darum, die Kurve der Neuinfektionen abzuflachen, Stichwort „flatten the curve“, um die Intensivkapazitäten in den Krankenhäusern nicht zu überschreiten. Ist es wirklich möglich, das Virus zu eliminieren?

Eine weltweite Ausrottung von Sars-CoV-2 ist in kurzer Zeit nicht zu erwarten. Aber die lokale Elimination ist durchaus in Reichweite – oder zumindest eine Entwicklung in Richtung Null Neuinfektionen. Das zeigt sich ja auch an Ländern wie Südkorea, Australien, Neuseeland und Island, die das Geschehen schnell und konsequent unter Kontrolle gebracht haben und weiterhin wachsam sind.

Auf einer Insel ist es aber auch leichter, eine solche Strategie zu verfolgen. Deutschland müsste sich ja total abschotten.

Möglich ist die Strategie auch für Binnenländer. Solange anderswo die Infektionszahlen noch hoch sind, wird man ohnehin nicht dorthin reisen wollen. Zwischen Ländern, die Covid unter Kontrolle haben, sind Reisen aber durchaus planbar. Ich hoffe, dass jetzt nach und nach immer mehr Länder begreifen, wie attraktiv es ist, einen langfristig stabilen Zustand zu erreichen.

Kann es sein, dass die politischen Entscheidungsträger -  und auch die Mehrheit der Bevölkerung – gar nichts wissen von der Option, die Pandemie zu ersticken?

Vielleicht haben wir das nicht klar genug kommuniziert. Oder wir hätten uns lauter zu Wort melden müssen. Nach der Veröffentlichung unseres Strategiepapiers gab es durchaus Gespräche mit Politikern und Entscheidungsträgerinnen. Aber zurzeit geht alles so schnell, Politiker haben vielerlei Interessen zu berücksichtigen. Und der Druck zur Lockerung war offenbar groß. Das ist ja auch zu verstehen. Der Shutdown hat für uns alle große Einschränkungen bedeutet. Langfristig betrachtet waren die Öffnungsentscheidungen aber vermutlich nicht ideal.

Ist die Chance vertan?

Theoretisch ist sie noch da. Die Zahlen sind ja immer noch auf niedrigem Niveau. Dass jetzt wieder zurückgerudert wird, halte ich aber für unwahrscheinlich. Jetzt rechnen viele Wissenschaftler mit einer zweiten Welle. Hoffentlich läuft es dann besser mit der Wahl der Strategie. Immerhin haben wir jetzt Zeit, um unsere Ergebnisse zu erklären.

Was werden Sie also tun?

Wir arbeiten intensiv daran, bessere Zahlen vorzulegen und Aussagen darüber treffen zu können, wie die Effekte einzelner Lockerungsmaßnahmen sind. Ferner arbeiten wir an Strategien, um effizient zu testen. Und wir werden uns überlegen, wie wir noch klarer kommunizieren können, damit alle eine informierte Entscheidung treffen können. Je niedriger die Anzahl Neuinfektionen, desto leichter lässt sich die Pandemie eindämmen. Das ist wie bei einem Feuer: Je kleiner es ist, desto einfacher lässt es sich löschen.