Berlin - Das Sommerlüftchen weht lau, das Bier ist kalt, und die Thüringer Bratwürste brutzeln verheißungsvoll auf dem Grill. Sigmar Gabriel hat aus Termingründen abgesagt. Doch es wirkt, als habe der SPD-Chef an diesem Abend eine Lokalrunde geschmissen. „Rot-Rot-Grün ist jetzt offiziell eine Option für 2017“, freut sich ein altgedienter SPD-Bundestagsabgeordneter vom linken Flügel: „Dahinter gibt es kein Zurück mehr.“ Er ist zufrieden mit seinem Parteichef.

Seit Jahr und Tag treffen sich ein paar Dutzend Abgeordnete von SPD, Grünen und Linkspartei gelegentlich zum Stammtisch der Denkfabrik. SPD-Mann Frank Schwabe gehört dazu wie Sven-Christian Kindler von den Grünen und Stefan Liebich von der Linkspartei. Man hält Kontakt, plaudert, sucht nach rot-rot-grünen Gemeinsamkeiten. Doch das alles klang eher akademisch - bis Gabriel kürzlich schrieb, die Mitte-Links-Parteien müssten „ihre Eitelkeiten und Spaltungen überwinden“ und ein „Bündnis aller progressiven Kräfte“ forderte.

Besser hätten das die Anhänger von #r2g, wie sich die rot-rot-grüne Avantgarde twittertauglich nennt, kaum formulieren können. Entsprechend gut ist die Stimmung beim Sommerfest, das natürlich unweit der Berliner Vertretung des rot-rot-grünen Thüringen gefeiert wird. „Wer A sagt, muss auch B sagen“, ruft SPD-Schatzmeister Dietmar Nietan aus. Da klatschen alle.
Nur Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter schaut etwas grimmig drein. Er hat gehört, wie Gabriel zwei Tage nach der Veröffentlichung seines Essays betonte, die Journaille habe ihn mal wieder falsch interpretiert. Ihm gehe es alleine um den Kampf gegen Rechts. Das dürfe man nicht parteitaktisch deuten.
Ist Rot-Rot-Grün also bloß eine Chimäre? Oder hat das Bündnis wirklich eine Chance, wenn der schöne Sommerabend vorbei und der harte Alltag angebrochen ist?

Keine Festlegungen

Einfach wird es jedenfalls nicht. Das zeigt sich schon bei den Grußworten. „Ich bin nicht Sigmar, und ich glaube, das sieht man auch“, entzieht sich SPD-Generalsekretärin Katarina Barley geschickt einer Festlegung. Hofreiter sagt, er hoffe, dass „die beiden sozialdemokratischen Parteien“ koalitionsfähig werden. Die Anrede gefällt den Partnern gar nicht. Ob die Grünen am Ende mit der Union anbandeln, lässt er offen. Allerdings, mahnt der Grüne, müssten „geschriebene Sätze länger als 48 Stunden gelten“ - ein Seitenhieb gegen Gabriel.
„Hofreiter hat einen typisch sozialdemokratischen Redebeitrag gehalten“, erwidert Linken-Schatzmeister Thomas Nord. Das könnte man als Zeichen des Zusammenwachsens von Rot-Rot-Grün werten. Doch so meint es der Linke nicht. „Das Motto war: Ich will mich nicht festlegen“, stichelt er. Zum Glück sind dann die Würstchen gar.