Rom - Aus den Kronen der Palmen und Pinien dringt lautstarkes Kreischen und Zetern. Was sind das bloß für merkwürdige Vogellaute, die man sonst eher aus dem Exotenhaus des Zoos zu kennen glaubt, fragen sich viele Touristen beim Spaziergang durch römische Parks.

Oft schießt dann plötzlich ein großer Schwarm grellgrüner Vögel mit sehr langen gelblichen Schwanzfedern und leuchtend roten Schnäbeln aus dem Baum und fliegt dicht über die Köpfe der Leute hinweg: „Pappagalli!“ – Papageien. Rom hat zwar Mittelmeerklima und milde Winter, aber eine exotische Art in freier Wildbahn würde man hier trotzdem nicht erwarten.

In der italienischen Hauptstadt gehören die wilden Papageien mittlerweile zum Alltag und ihr Geschrei zur normalen Geräuschkulisse. Vermutlich sind es Tausende, genaue Zahlen hat die Stadtverwaltung nicht. Sie sind nicht nur in den Parks anzutreffen, sondern in fast allen Vierteln etwas außerhalb des Zentrums. Sie hocken in den Bäumen und fallen in Vorgärten ein.

„Früher haben wir hier Aprikosen und Pflaumen geerntet“, erzählt der pensionierte Lehrer Ugo Cavallieri, der hinter seinem Haus im Stadtteil Gianicolense zwei Obstbäume hat. „Jetzt ist es hoffnungslos: Sobald die Früchte reif sind, fallen die Papageien ein und picken alles von den Bäumen.“ Ein bisschen ärgerlich sei diese Invasion schon, sagt Cavallieri, aber Vertreibungsversuche hat er bisher nicht unternommen. „Es macht doch auch Spaß, sie zu beobachten, sie sind so schön bunt“, sagt seine Frau. Ganz besonders freche Exemplare holten sich in der warmen Jahreszeit ihr Futter sogar direkt vom Frühstückstisch auf der Terrasse, berichten viele Römer.

Die ersten wilden Papageien-Kolonien wurden in Italien bereits in den 70er-Jahren gesichtet. „Es waren Käfigvögel, die ihren Besitzern entwischt sind oder ausgesetzt wurden und sich dann vermehrt haben“, erklärt der Ornithologe Marco Dinetti von der italienischen Vogelschutz-Liga Lipu. In der Mehrzahl sind es Halsbandsittiche, die bis zu 40 Zentimeter groß werden. In Indien gelten sie als das Gegenstück zur europäischen Straßentaube und werden vielerorts als Plage gesehen.

Auch Mönchssittiche und andere Papageienarten wie die Blaustirnamazone leben in italienischen Städten. Überraschenderweise kommen sie mit dem Klima gut zurecht, das deutlich kühler ist als in ihrer tropischen Heimat in Asien, Afrika oder Südamerika. Sie bauen ihre Nester in Baumhöhlen oder Mauerlöchern und ernähren sich fast ausschließlich vegetarisch: von Samen, Knospen, Früchten, Blüten, Beeren. Und sie lieben die Städte, weil es dort ein paar Grad wärmer ist als auf dem Land.

Die Zahl der wilden Papageien in Europa steigt rasant – in den vergangenen 30 Jahren ist ihr Anteil stärker gewachsen als der aller anderen Vogelarten, wie Forscher festgestellt haben. Auch in Spanien und Portugal sind sie inzwischen verbreitet. Besonders überraschend ist aber, dass die Exoten sogar die nordeuropäischen Winter überleben: In Brüssel etwa gibt es schon seit vielen Jahren Papageienkolonien, in London und auch in den deutschen Städten Düsseldorf, Köln, Bonn und Wiesbaden.

Bis zu 5000 wilde Papageien sollen in der klimatisch milden Rheinebene leben, schätzt das Umweltamt Düsseldorf. In der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt hat sich gar schon eine Anti-Papageien-Bewegung gegründet. Weil Hunderte der bunten Vögel die Platanen auf der noblen Flanier- und Einkaufsmeile Königstraße als Schlafplätze nutzen, fühlen sich die Geschäftsleute in ihrer Existenz bedroht. Kunden könnten sich durch das Geschrei und den Vogelkot abgestoßen fühlen, fürchten sie.

In Rom dagegen gibt es bislang keinerlei Beschwerden von Bürgern über die Papageien, versichert die Sprecherin des städtischen Umweltamtes. „Sie sind doch so hübsch, was könnte man gegen sie haben?“ Marco Dinetti vom Vogelschutz-Bund sieht die Sache nüchterner und warnt, die Papageien könnten dann zum echten Problem werden, wenn sie die Städte verlassen und sich auf dem Land ausbreiten.

Bei indischen Bauern gelten Halsbandsittiche als Schädlinge, weil sie die Ernte zerstören. Auch in Städten seien sie eine Gefahr für Fledermäuse, Eulen und Spechte, die sie aus den Bruthöhlen verdrängen, erklärt Dinetti. Britische Wissenschaftler gaben 2009 Londons Halsbandsittiche sogar zum Abschuss frei, weil sie die heimische Tierwelt bedroht sahen. Auch Madrid hat im Juli beschlossen, die Papageien zu bekämpfen.

In Italien dagegen bleiben die Behörden gelassen. Auch das deutsche Bundesamt für Naturschutz sieht keinen Anlass für drastische Maßnahmen: Es bestehe keine große Gefahr für die biologische Vielfalt, heißt es dort. Aber dass man die weitere Ausbreitung der exotischen Krachmacher in Europa genau beobachten muss, darüber sind sich Naturschützer einig.