Das Volk hat gesprochen: In Ägypten wird in Zukunft ein Muslimbruder regieren. Diese Nachricht löst bei Liberalen und Christen am Nil Panik aus, und auch im Westen sind viele besorgt.

Die Bedenken sind berechtigt, schließlich ist die Muslimbruderschaft für ihren Machtanspruch bekannt. Seit mehr als 80 Jahren steuern sie auf ihr klar formuliertes Ziel zu, dem zufolge Politik und Gesellschaft sich den Prinzipien des Islam zu unterwerfen haben.

Zwar soll niemand zu seinem Glück gezwungen werden, so das Versprechen der Muslimbrüder. Doch man werde alles daransetzen, die Menschen von diesem Ziel zu überzeugen. Was die Muslimbrüder gefährlich erscheinen lässt, ist genau diese Kombination aus Politik und Brainwashing. Sie wollen die Gesellschaft von innen heraus islamisieren, bis diese zu ihren politischen Vorstellungen passt. Keine schöne Vorstellung.

Mursi fehlen Macht und Zeit

In der Realität sieht die Lage allerdings weniger bedrohlich aus. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es dem neuen Präsidenten Mohammed Mursi überhaupt gelingen kann, Ägypten auf die Bahn der Muslimbrüder zu bringen. Dazu fehlen ihm die Macht und die Zeit.

Entweder wird er mit seiner Präsidentschaft scheitern, und die Wähler werden ihn bei nächster Gelegenheit abstrafen. Für die Muslimbruderschaft wäre dies eine Katastrophe, denn sie könnte mit Mursi wieder in der Versenkung verschwinden. Oder er wird einen Weg finden, die Forderungen der Wähler zu erfüllen. Das aber kann nur gelingen, indem er sich öffnet, den ideologischen Ballast der Bruderschaft über Bord wirft und tatsächlich ein Präsident aller Ägypter wird. Damit wäre allen am meisten gedient.

Mursi hat hart dafür gekämpft, Ägyptens erster freigewählter Präsident zu werden. Doch um seinen Job zu beneiden ist er nicht. Er steht vor unendlich vielen Problemen. Wo anfangen? Die meisten Ägypter nennen Arbeitslosigkeit und Kriminalität als Kernaufgaben, die der Neue im Präsidentenpalast angehen soll.

Ägypten ist im afrikanischen Vergleich immer noch ein sehr sicheres Land. Doch seit der Revolution häufen sich Überfälle, Erpressungen und Einbrüche. Dabei wurde ein Ausmaß erreicht, das Investoren abschreckt. Schuld an der Kriminalität ist die Not der Menschen.

Hinzu kommt aber auch, dass die Polizei aus Trotz und Angst vor dem Volkszorn noch nicht wieder mit vollem Einsatz arbeitet. Das Innenministerium ist weiter ein Hort des Alten Regimes und alle Reformversuche scheiterten am Widerstand der alten Kader. Mursi ist auf ihre Mitarbeit angewiesen, doch womöglich zeigen die Offiziere ihm jetzt die kalte Schulter.

Ohne zivile Sicherheit dürfte die Wirtschaft weiter lahmen. In vielen Betrieben wird gestreikt und die Produktion stockt nicht zuletzt deshalb, weil es den Ägyptern an Kaufkraft fehlt. Ein zentrales Problem ist die Krise im Tourismus. Sie wird durch Mursis Wahlsieg eher noch verschärft.

Mit Katar und der Türkei befreundet

Schließlich wird das Geschäft von Agenten bestimmt, die lange im Voraus Flug- und Hotelkontingente buchen. Sie wollen keine Risiken eingehen. Und so wird es an Mursi sein, sie davon zu überzeugen, dass er wirklich nicht vorhat, Bikini und Bier am Strand zu verbieten.

Aber er hat wenig Alternativen. Denn die Staatskasse ist geplündert und zu allem Überfluss hat die Nachricht von Mursis Wahlsieg die Börse absacken und das ägyptische Pfund auf ein Rekordtief fallen lassen. Gewiss werden ihm seine Brüder – unter Ihnen viele reiche Geschäftsleute – zu Hilfe kommen. Und Katar und die Türkei darf er zu seinen potenten Staatsfreunden zählen.

Doch das wird nicht reichen und die Zeit drängt. Vermutlich wird nach der Formulierung der Verfassung und der Neuwahl des Parlaments auch der Präsidentenposten neu vergeben. Womöglich bleibt Mursi also nur ein Jahr, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.

Die ägyptischen Wähler sind selbstbewusster geworden und sie haben dazugelernt. Mit bloßen Parolen und mehr Islam werden sie sich nicht abspeisen lassen. Mursis Stammwähler – das hat der erste Wahlgang gezeigt – machen gerade einmal 6 Millionen Ägypter aus. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig: Er muss Brücken bauen.

Es besteht also kein Grund zur Panik. Entweder scheitert der Muslimbruder Mursi. Dann wird mit ihm vermutlich auch die Muslimbruderschaft in der Versenkung verschwinden. Das wäre eine gute Nachricht. Oder es gelingt ihm, das Land aus der Krise zu führen.

Dies aber wird ihm nur in Zusammenarbeit mit anderen gelingen. Mursi kann nur dann erfolgreich sein, wenn er der Präsident aller Ägypter wird. Dazu wird die Ideologie der Muslimbruderschaft entrümpeln müssen. In diesem Fall hätte ganz Ägypten gewonnen. Die Wähler haben sich für einen Präsidenten entschieden, und man darf gespannt sein, welche Politik daraus erwächst.