Nicht einmal einen ganzen Film hat es gebraucht, um Massenproteste gegen den Westen zu mobilisieren. Ein Trailer von knapp 14 Minuten, mies gespielt, stümperhaft synchronisiert und schlecht geschnitten, hat viele Menschen – unter anderem einen US-Top-Diplomaten – das Leben gekostet und so manches Botschaftsgebäude brennen lassen, unter anderem die deutsche Vertretung in der sudanesischen Hauptstadt Khartum.

Es reicht also für einen „Krieg der Kulturen“ à la Samuel Huntington ein schlechter Clip, in dem der Prophet der Muslime beleidigt wird? Reicht es das nächste Mal, wenn ein einzelner Provokateur auf Youtube ein freizügiges Lady Gaga-Video mit Koran-Untertiteln versieht, damit der Nahosten brennt? Das Erschreckende ist nicht die Fackel tragende, blutrünstige Minderheit, ob nun in Kairo, Libyen oder Sudan. Diese sucht jeden Anlass um die Machtfrage zu stellen. Die Salafisten in Ägypten tun dies derzeit genauso wie die Hamas in Gaza oder eben Al-Kaida in Jemen. Das erschreckende ist das Schweigen der bedrohten moderaten Mehrheit in diesen Ländern. Derjenigen also, die die wichtigste Zielscheibe der Extremisten sind.

Wo bleibt die Demonstration der lebendigen Zivilgesellschaften in Tunesien, Ägypten oder Libanon gegen den mordenden Mob? Welche Intellektuellen ergreifen das Wort in Ablehnung der Gewalt gegen diplomatische Vertretungen? Damit liefert sich die Mehrheit aber passiv der aggressiven Dominanz einer gefährlichen fundamentalistischen Weltsicht aus. Die Moderaten vergeben damit nicht nur die Chance auf internationale Anerkennung, sie verlieren so vor allem an Boden im innenpolitischen Kampf um die Vorherrschaft gegen die Extremisten. Auf Kosten persönlicher und politischer Freiheiten – allen voran der Frauen.

Der Graben verläuft also nicht zwischen Muslimen und Christen. Der Graben verläuft zwischen (muslimischen, christlichen, jüdischen...) Extremisten auf der einen Seite und uns, die wir den pluralen Rechtsstaat wollen, auf der anderen Seite. Das gilt für den Nahosten genauso wie für die Bundesrepublik Deutschland. Umso skurriler ist so mancher aktueller Beitrag. Einzelne Außenpolitiker der Union fordern nun, dass wir „unser Verhältnis zu den islamischen Staaten überdenken“. Sollen wir Europäer uns nicht mehr mit unseren unmittelbaren Nachbarn unterhalten? Sollen wir als Alternative zur Kooperation eine Mauer um Europa hochziehen? Wohl kaum, nicht erst wegen den Millionen Muslimen in der Europäischen Union.

Ein Verbot wäre fatal

Andere wollen den peinlich schlechten Film gar verbieten. Sogar die Bundeskanzlerin hat nun darüber öffentlich räsoniert. Gewiss gibt es im deutschen Strafgesetzbuch den sogenannten „Blasphemie-Paragraphen“, der ein solches Verbot wahrscheinlich legitimierte. Ein Verbot wäre nicht mehr als eine Beruhigungspille, allerdings mit einem hohen Suchtfaktor. Die einzige Medizin gegen geistige Brandstiftung aber ist der Zusammenhalt der Demokraten aller Religionen. Wir müssen uns vor unsere Grundrechte stellen und sie gern auch mit heißem Herzen, aber vor allem mit kühlem Kopf verteidigen.

Fangen wir an, unsere gesellschaftliche Freiheiten aus Angst vor Extremisten einzuschränken, haben die Feinde der Freiheit gewonnen. Nicht der Westen muss mehr verbieten. Die überwältigende Mehrheit friedliebender Muslime muss mehr Selbstvertrauen aufbringen, für Gelassenheit im Umgang mit Provokateuren.