Die Hautfarbe sollte keine Rolle spielen.
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BerlinWenn ich ein Taxi anfordere, dann sagt der nicht-weiße Fahrer häufig: „Nein, das sind Sie nicht, ich bin für Ali bestellt.“ Solche Fahrer haben im Wortsinn ein Vorurteil. Wenn ich ihnen dann von meinen osmanischen Vorfahren erzähle, entsteht gelegentlich unangenehme Nähe: „Wissen Sie, warum das Haus da vorne von der Polizei bewacht wird?“ – Ich: „Ja – eine Synagoge.“ – Er: „Man sollte sie nicht bewachen. Die Juden sind doch selber schuld.“ Widerspruch. Schweigen.

Wegen meines Namens wurde ich schon zweimal aus startbereiten Flugzeugen geholt und gelegentlich merkwürdig behandelt. Aber manches hat sich gebessert. Als mein Vater 1936 beim Infanterieregiment 12 in Halberstadt einrückte, schnauzte ihn der Spieß an: „Aly? Das ist ein Hundename!“ Ich habe noch das Lied von den „Zehn kleinen Negerlein“ gelernt. Hatte ich als Kind Chaos fabriziert, hieß es: „Hier sieht es aus wie bei den Hottentotten.“ Meine Enkel kennen solche Begriffe nicht mehr. Und das ist gut so. Das Lied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ lernen sie noch. Verbieten? Soll ich päpstlicher als der Papst sein?

Die Sache ist kompliziert. Weder sind andersfarbige Menschen einfach die Guten noch lässt sich bestreiten, dass es viele Formen der Diskriminierung gibt, die sich an Hautfarbe, Sprache und Namen orientieren. Nehmen wir zum Beispiel weiße, gerne grün wählende Kreuzberger Eltern, die für ihr Kind eine Kita suchen. Anhand der Namensschilder über den Kleiderhaken prüfen sie als Erstes, wie sich das Verhältnis zwischen den Hassans und Antons gestaltet. Rassismus? Ähnliches geschieht bei der Einschulung. Biodeutsche Muttis und Papis, die sich supertolerant und migrantenfreundlich dünken, suchen dann zuhauf nach Scheinwohnsitzen, um ihre Augäpfelchen in die „richtige“ Schule zu bugsieren. Rassismus? In Paris wird ein solches Verhalten strikt unterbunden.

Berlin, Deutschland und Europa werden in den nächsten 20 Jahren sehr viel bunter werden. Niemand wird das verhindern. Wir müssen versuchen, diesen Prozess in friedlichen Bahnen zu halten. Dazu gehören klare gesetzliche Regeln und deren Durchsetzung. Wer – wie der Berliner Senat – arabische Clans jahrzehntelang unbehelligt lässt, wer Ghettoviertel und -schulen nicht verhindert, die Zustände im U-Bahnhof Kottbusser Tor und im Görlitzer Park duldet, der schürt gegenseitige Ressentiments und Unfrieden, Distanz und Hass.

Deshalb ist es falsch, wenn Senator Klaus Lederer (Linke) und die insoweit etwas tollpatschige Franziska Giffey (SPD) die Berliner Mohrenstraße wegbenennen wollen. Das sind polarisierende Symbolkonflikte. Die Bezeichnung Mohr ist nämlich nicht schlechter als „Farbiger“ oder „People of Color“. Vielmehr kommt es darauf an, dass wir mit der Zeit möglichst farbenblind werden, also die unterschiedliche Herkunft, Hautfarbe usw. im täglichen Umgang nicht mehr bemerken. Wer an diesem Ziel arbeitet, schlägt sich nicht auf die Seite identitärer, ideologisch selbstgewisser Besserwisserinnen und Saubermänner. Die Mohrenstraße soll bleiben. Über den Kolonialismus soll intensiv gesprochen werden – vor allem über den himmelschreienden Kolonialismus der Gegenwart, von dem alle, die in Deutschland leben, jeden Tag profitieren.