Wer auch immer am 11. Oktober den Deutschen Jugendliteraturpreis erhält, bekommt nicht nur Geld und Ehre, sondern auch eine flaschengroße Skulptur. Die Bronzefigur mit mädchenhaften Zügen trägt eine Blume in der Hand, zu ihren Füßen hockt eine Schildkröte. Es ist die Momo. Gestaltet wurde sie vom Bildhauer Detlef Kraft. Aber erfunden, ins Leben gerufen, hat sie Michael Ende.

Momo wird jetzt 40. Am 1. September 1973 kam das Mädchen erstmals in die westdeutschen Buchläden. Sie ist die Heldin des Märchen-Romans „Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte“. Mit dem langen Titel sah sich Michael Ende in der Tradition der deutschen Romantiker. Seine Momo steht heute symbolisch für die Macht des Erzählens, für die Kraft der Fantasie, ja einfach für gute Kinderliteratur. In 46 Sprachen übersetzt, hat sich das Buch bis heute weltweit über zehn Millionen Mal verkauft.

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis“, beginnt das sechste Kapitel: „Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit.“ Wenn Kinder anfangen, dicke Bücher zu lesen, sind sie längst so weit, dass ein Stundenplan ihren Tag diktiert. Zwischen Sport- oder Musikterminen müssen sich Verabredungen ein Fleckchen suchen, das Wochenende wird von den Eltern verplant. Und dann ist da das Warten auf den nächsten Geburtstag, auf Ostern und Weihnachten. „Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen“, schreibt Michael Ende, „aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt.“ Er führt damit auf das große Thema das Buches, auf den Grund seiner anhaltenden Popularität: „Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

„Momo“ gehört zu den Büchern, die einem Leser bleiben, auch wenn die Lektüre lange her ist. Es ist eine der Geschichten, die Erwachsene und Kinder verbinden, weil sie die Generationen auf je eigene Weise packt. Liest man das Buch als Kind, kann man sich identifizieren mit dem Mädchen, das von der Geschäftigkeit verstört ist und Freundschaft über alles schätzt. Liest man als Erwachsener das Buch (zum Beispiel als Vorleser, der seinem Kind Zeit schenkt), erkennt man Michael Ende als Verbündeten im Kampf gegen Schnelllebigkeit, Planungswahn, Herzlosigkeit.

Die Verfilmung von Johannes Schaaf aus dem Jahr 1986 gehört zu den glücklichen Beispielen der Umsetzung eines literarischen Stoffs in konkrete Bilder. Das liegt an seiner sanften Führung der zehnjährigen Hauptdarstellerin Radost Bokel als Momo, die ihre Sonderbarkeit behält. Das liegt auch am Charisma der erwachsenen Kollegen, Mario Adorf ist ein toller Maurer Nicola, Armin Mueller-Stahl ein schauderhaft fieser Chef der grauen Herren. Das kann man immer noch gut sehen, zumal es bald (ab 19.9.) eine restaurierte Fassung des Films auf DVD gibt.

Auch das Buch ist neu erschienen. Für das Cover hatte der Thienemann Verlag einen Wettbewerb ausgeschrieben. Der Sieger Johannes Erler legt den Schutzumschlag wie ein dunkles Gewand um das Buch. Eine Schildkröte ist darauf zu sehen, ihr Panzer ist durchbrochen und gibt gelb leuchtend die Buchstaben MOMO frei. Nimmt man ihn ab, erscheinen bunte Farbkleckse. Die Schildkröte Kassiopeia, die Momo durch Meister Secundus Minutius Hora geschickt wurde, spielt eine wichtige Rolle in dem Buch. Mit ihr überlistet sie die grauen Herren und kann dem Leben seine Farben zurückgeben.

Michael Ende hatte sechs Schildkröten, als er in der Nähe von Rom lebte, wo er „Momo“ schrieb. Er war Anfang der Siebzigerjahre nach Italien geflüchtet, als ihm die (west)deutsche Kritik Eskapismus vorwarf, realistisch und engagiert sollten Kinderbücher damals sein. Er erzählte dem Zeit-Magazin 1994, ein Jahr vor seinem Tod, dass er die vollkommene Nutzlosigkeit dieser Tiere schätze. „Wenn Sie ihr einmal ins Gesicht gucken, werden Sie feststellen, dass Schildkröten lächeln wie jemand, der etwas weiß, was wir nicht wissen.“

Am Schluss des Buchs erklärt der Verfasser, dass die Geschichte nicht von ihm sei. Ein merkwürdiger Passagier habe sie ihm auf einer Zugfahrt erzählt. Alles könnte so geschehen sein – oder sich auch erst in der Zukunft so zutragen. So hinterlässt er eine unausgesprochene Frage. Sind nicht die grauen Herren gerade heute unterwegs? Die Zeitdiebe, die uns das Diktat der Zweckmäßigkeit und Effizienz auferlegen? Bleiben wir wachsam.