Junge Menschen stellen während einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Attentats vor Gedenkkerzen ab.
Foto: dpa/Uwe Zucchi

Hanau - Am Mittwochabend bekam ich nichts mit von dem, was in Hanau geschah. Ich telefonierte von kurz vor neun bis kurz vor Mitternacht mit einer Freundin. Einer deutschen Freundin, deren Eltern vor Jahrzehnten aus der Türkei nach Deutschland kamen. „Ich mag nicht mehr bleiben“, sagte sie mir. „Ich habe Angst.“ Wir sprachen darüber, während der Mann in Hanau erst neun Migranten, dann seine Mutter und sich selbst erschoss.

Sie habe Angst, erklärte meine Freundin, selbst Opfer eines Anschlags zu werden. Aber noch mehr Angst mache ihr, wie die Behörden, wie auch die Politik mit diesen Anschlägen umgehe. Inzwischen sei die Empörung nach jedem Anschlag groß, man versichere den Hinterbliebenen Solidarität und Unterstützung. Dann aber passiere nichts.

Jede Menge Beileidsbekundungen - und dann, nichts

Weder würde man rigoros gegen rassistische Propaganda in den sozialen Medien vorgehen, noch würden einschlägige Organisationen aufmerksam observiert, noch würden gar die eigenen Reihen durchmustert.

Ich konnte ihr nicht sagen: Du musst bleiben. Lass uns nicht allein mit diesen Leuten, die uns weismachen wollen, wir Deutsch-Deutschen seien die wertvolleren Menschen, die geschützt werden müssten vor Ausländern. Es gibt kein Argument gegen Angst. Wir müssen etwas tun gegen sie.

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Zu dem Anschlag in Hanau bemerkte die Bundeskanzlerin: „Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift. Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft und es ist Schuld an schon viel zu vielen Verbrechen.“ Recht hat sie. Aber was tut sie?

Werden Verwaltungen, werden Justiz und Polizei, Verfassungsschutz und Militär systematisch daraufhin untersucht, ob sich in ihnen Dealer breitgemacht haben, die das Gift des Rassismus unter die Leute bringen?

Merkel hat Recht, aber was tut sie?

Wir erinnern uns an den NSU-Prozess, an die immer wieder verhängnisvolle Rolle, die die Organe, die unsere Verfassung schützen sollen, dabei gespielt haben. Was ist danach geschehen? Okay, Herr Maaßen, von 2012 bis 2018 oberster Verfassungsschützer unseres Landes, wurde in den „einstweiligen Ruhestand“ versetzt. War er der einzige Gesinnungstäter in seinem Amt?

Was passierte, was passiert in Thüringen? Wie lange haben die noch etwas zu sagen, die sich vom Rechtsradikalen Björn Höcke (AfD) haben in die Falle locken lassen, wenn sie sie nicht von vornherein mit ihm ausbaldowert hatten?

Es fehlt jetzt nicht an Menschen, die sagen, der Täter von Hanau war ein Rechtsradikaler, aber doch offensichtlich ein psychisch gestörter. Ich weiß das nicht. Ich halte auch Herrn Lindner (FDP) und sein Lavieren um die Vorgänge im Thüringer Landtag für weit entfernt von jeder politischen Vernunft.

Rassismus ist ein Gift, sagt die Kanzlerin. Das ist die Diagnose. Was ist die Therapie? Kein Wort dazu. Warum zieht sie nicht durch das Land und kämpft gegen den Rassismus? Dass die Parteien für sich Wahlkämpfe machen, scheint selbstverständlich. Aber wer kämpft um unser Land? Die kleinen Initiativen, die es in vielen Städten und Landkreisen gibt, könnten Unterstützung gebrauchen. Geld, Räume, in denen sie sich treffen. Das ist eine langfristige Arbeit zur Entgiftung unserer Gesellschaft, sie sollte auf solide Beine gestellt werden. Da könnte, da sollten Politik und Verwaltung helfen. Zu oft wirft sie aber diesen Initiativen Knüppel zwischen die Beine.

Denen, die Angst schüren, entgegen treten

Solange wir zulassen, dass Fremde, dass Ausländer, Flüchtlinge herabgesetzt werden, dass sie als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, solange wird es Menschen geben, die das als Signal zur Jagd begreifen und damit beginnen. Bevor die Täter zu Täter werden, müssen sie sich als Opfer erkennen. Erst dann können sie zuschlagen. Jeder Satz, mit dem wir aus Bürgern der Bundesrepublik Opfer einer Überfremdung machen, schürt den Hass und verschärft die Gefahr, dass wieder ein mehr oder weniger Verrückter wild um sich schießt und sich stark fühlt, weil er Angst und Schrecken verbreitet.

Wir alle haben Grund, Angst zu haben. Nachgeben dürfen wir ihr nicht. Wir müssen denen, die sie innerhalb und außerhalb der Parlamente verbreiten, entgegentreten.