Stephan E. (r), Tatverdächtiger im Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke, wird 2019 nach einem Haftprüfungstermin beim Bundesgerichtshof (BGH) zu einem Hubschrauber gebracht. 
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BerlinAm 25. Juni 2019 legt Stephan E. ein Geständnis ab. Seit zehn Tagen schon sitzt der zweifache Familienvater aus Kassel in Untersuchungshaft. Nun endlich redet er über jene Nacht gut drei Wochen zuvor. Vier Stunden lang schildert er ruhig und gefühlskalt, wie er am 2. Juni kurz nach Mitternacht den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke tötete. Als die Vernehmer vom Bundeskriminalamt ihn fragen, ob er vor der laufenden Videokamera das Geschehen nachstellen würde, stimmt E. ohne Zögern zu. Ein Beamter setzt sich auf einen Stuhl. E. nähert sich ihm, hebt die Hand, als hätte er die Pistole noch in der Hand, und richtet sie aus kürzester Distanz auf den Kopf des Mannes. Dann drückt er ab.

An diesem Dienstag beginnt vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt am Main der Mordprozess gegen Stephan E. und seinen mutmaßlichen Komplizen Markus H., dem die Bundesanwaltschaft Beihilfe zum Mord vorwirft. Die Beweise gegen E. sind erdrückend: Am Opfer waren seine DNA-Spuren gefunden worden, außerdem gibt es das detaillierte Geständnis vom Juni letzten Jahres. Dass der 46-jährige es inzwischen widerrufen hat und nun seinen langjährigen mitangeklagten Freund H. als Todesschützen belastet, werten die Ankläger nur als Schutzbehauptung.

Bei H. hingegen ist die Sachlage komplizierter. Einen Nachweis, dass er an der Tat direkt beteiligt oder in die Anschlagsplanung seines Freundes eingeweiht war, gibt es nicht. Und so müssen die Ankläger versuchen zu beweisen, dass H. das Vorhaben E.s, Lübcke zu ermorden, zumindest geahnt und somit billigend in Kauf genommen hat. Psychische Beihilfe nennt man so etwas in der Juristensprache. Was die Beweisführung zusätzlich erschwert: Beide Angeklagte wollen nach Auskunft ihrer Verteidiger im Prozess schweigen.

Der Mord vom 2. Juni 2019 war eine Zäsur. Erstmals wurde ein bundesdeutscher Politiker von Rechtsextremen ermordet. Mit seinem Bekenntnis zu einer humanen Flüchtlingspolitik und zu christlichen Werten hatte Walter Lübcke den Hass von Neonazis und Rechtspopulisten auf sich gezogen, die ihn im Internet auf übelste Weise beschimpften und bedrohten. Unverhohlen riefen sie zur Gewalt gegen den – wie ihn die Rechten nannten – „Volksverräter“ auf. „Der Kaspar aus Kassel macht’s nicht mehr lange“, schrieb einer auf Facebook, ein anderer: „Möge der Kerl bekommen, was er verdient.“ Als Lübcke tot war, applaudierten Rechte in den sozialen Netzwerken: „Aha mal ne gute Tat vollbracht“ schrieb einer, ein anderer: „Du bekommst das serviert, was du verdienst.“

Auslöser der Hasswelle war eine Bürgerversammlung im hessischen Lohfelden im Oktober 2015, bei der es um eine Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge ging. Als die Zwischenrufer immer lauter wurden, hatte Lübcke den Störern entgegnet, dass er stolz sei auf das Vertreten christlicher Werte in der Flüchtlingshilfe: „Wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen“, sagte er auf der Veranstaltung. Das Video mit Lübckes Satz wurde noch am selben Tag auf YouTube hochgeladen – von Markus H., der an jenem Abend mit seinem Freund E. in Lohfelden im Publikum saß.

Auch für E. war die Versammlung ein Schlüsselerlebnis. Das lässt sich an einer Nachricht ablesen, die er damals an seine Mutter schrieb und darin auf das Lohfelden-Video hinwies. „Hallo Mama, schau Dir das an … Da siehst Du wie weit sich dieser Abschaum von Volksverrätern von uns entfernt hat“, heißt es in der Nachricht.

Die Bundesanwaltschaft ist in ihrer Anklage davon überzeugt davon, dass E. in Lohfelden zu der Überzeugung gelangt sei, „dass Lübcke ein Volksschädling sei, der beseitigt werden müsse.“

Wie entsteht solch ein Hass, eine solche Mordlust? Was bringt Menschen dazu, auf einen unbewaffneten, ahnungslosen Mann zuzutreten und ihn aus nächster Nähe in den Kopf zu schießen? Wie verläuft ein Leben, das in einer so eiskalten Mordtat mündet?

Stephan E. kommt im September 1973 in Wiesbaden zur Welt. Als er elf Jahre alt ist, zieht die Familie nach Hohenstein-Holzhausen um, eine 1100-Seelen-Gemeinde im südhessischen Taunus. Der Vater, ein Alkoholiker, arbeitet im Betonwerk, die Mutter ist Zahntechnikerin. Daheim bleibt der Junge meist sich selbst überlassen. Abends, wenn der Vater wieder mal betrunken ist, verkriecht er sich im Bett, ein Messer unter dem Kopfkissen aus Angst. In die Hand hat er sich das Wort „Hass“ geritzt.

Freunde findet E. in der neuen Umgebung keine, er bleibt ein Einzelgänger. Auch als der Vater stirbt, ändert sich das nicht. In Bundeswehrkluft und Springerstiefeln zieht er meist allein durch die Gegend. Auf einem seiner Streifzüge entdeckt er im Nachbarort ein Mehrfamilienhaus, in dem Türken leben. Ein paar Tage später kehrt er dorthin zurück, mit einem Kanister Benzin, und legt im Keller des Hauses Feuer. Es richtet nur geringen Schaden an. E. ist da gerade mal 15 Jahre alt. Er habe den Türken einen Denkzettel verpassen wollen, begründet er bei der Polizei seine Tat.

Ein Jahr später schafft er den Hauptschulabschluss. Eine anschließende Maurerlehre bricht er ab, ebenso eine Ausbildung zum Holzmechaniker. Dafür wird er wieder straffällig: Im November 1992 – E. ist jetzt 19 Jahre alt – sticht er einen türkischen Imam auf einer Toilette im Bahnhof Wiesbaden nieder. Das Opfer kommt knapp mit dem Leben davon. Wenige Monate später verübt er mit einer selbstgebauten Rohrbombe einen weiteren Anschlag, diesmal auf bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge. Im Nachbarort von Hohenstein stellt er ein mit einer Bombe präpariertes Auto an einer Asylbewerber-Unterkunft ab. Der Sprengsatz explodiert jedoch nicht, setzt nur das Fahrzeug in Brand. Das Feuer kann von den Heimbewohnern gelöscht werden, bevor es größeren Schaden anrichtet.

Das Landgericht Wiesbaden verurteilt Stephan E. wegen der beiden Anschläge zu einer sechsjährigen Jugendhaftstrafe. Ein angesichts der Schwere der Taten vergleichsweise mildes Urteil, das die Kammer des Landgerichts damit begründet, dass der Angeklagte „in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich … beeinträchtigt gewesen ist.“ Ein psychiatrischer Gutachter habe bei ihm eine „Borderline-Persönlichkeitsstörung … und eine schwere andere seelische Abartigkeit“ diagnostiziert, hielt das Gericht fest. Demnach sei E. ein unterkühlter, unkontrollierter Täter mit gestörtem Verhältnis zur Sexualität, zudem von Panik und Jähzorn getrieben.

Im September 1999 kommt E. wieder frei. Sofort sucht und findet er Anschluss an die als besonders gewaltbereit geltende Neonazi-Szene in Kassel. Rechercheure der lokalen Antifa berichteten im ZDF über Fotos, die E. in einer rechten Szenekneipe der Stadt zeigen, als er zusammen mit anderen Neonazis Journalisten angreift. Auch der Verfassungsschutz hat E. im Visier. Der Neonazi, der auf zahlreichen rechtsextremen Veranstaltungen und Demonstrationen in Passau, Berlin, Leipzig und Bielefeld auftaucht, gilt als extrem gewalttätig. Er nimmt an NPD-Demonstrationen teil, tritt zeitweise der rechtsextremen Partei bei und bewegt sich im Umfeld einer gewalttätigen Combat 18-Gruppe. Und er wird immer wieder verurteilt – wegen Beleidigung, Körperverletzung, Landfriedensbruch.

Auch am 1. Mai 2009 ist er dabei, als Hunderte Neonazis eine Gewerkschaftskundgebung in Dortmund überfallen. Die Polizei schreitet ein, nimmt 400 Rechte wegen der Gewalttaten fest. Zu den Festgenommenen gehört neben E. auch sein Freund Markus H. Beide tauchen auch in einem Dossier des Landesamtes für Verfassungsschutz aus jener Zeit auf, das besonders gewaltbereite Neonazis in Nordhessen auflistet. Hinter dem Namen E. findet sich eine handschriftliche Notiz: „Der ist brandgefährlich.“

Ab 2010 jedoch scheint sich E. aus der rechten Szene zurückzuziehen. Auf rechtsextremen Zusammenkünften lässt er sich nicht mehr blicken, auch polizeilich fällt er nicht mehr auf. Er lebt nun eine kleinbürgerliche Existenz mit Familie, Haus und gepflegtem Garten. Alles nur Tarnung? E. selbst gibt an, sich spätestens 2011 aus der rechten Szene gelöst zu haben. Auch der Verfassungsschutz glaubt das, schließt 2015 die Personenakte von E. und schreddert sie. Aus Sicht des Geheimdienstes gilt E. als „abgekühlt“. Eine Gefahr gehe von ihm nicht mehr aus.

Auch E.s langjährigen Freund Markus H., der nun in Frankfurt mit auf der Anklagebank sitzt, verliert der Dienst aus dem Blick. Wie E. scheint auch H. sich „abzukühlen“. Tatsächlich aber hängt er weiter dem Nationalsozialismus an. Im Sommer 2019 finden Ermittler bei ihm Büsten von Adolf Hitler und Hermann Göring, ein handtellergroßes Hakenkreuz aus Metall, Bücher von Joseph Goebbels und antisemitische Hetzschriften. In der Anklage wird H. eine „distanzlose Verherrlichung des historischen Nationalsozialismus“ bescheinigt.

Markus H. ist überdies ein Waffennarr. Auf einem Schießplatz im nordhessischen Grebenstein, wo er mit Reservisten der SSG Germania Cassel am Schießstand für Großkaliberwaffen trainierte, soll er laut Anklage Stephan E. das Schießen mit scharfen Waffen beigebracht haben. Doch nicht nur durch das Schießtraining bestärkt H. aus Sicht der Ankläger seinen Freund in dessen Mordplänen. So habe er laut Anklage zu seinem Freund auch gesagt, dass Walter Lübcke „erhängt“ werden müsse. Außerdem habe er E. an einen Trödel- und Waffenhändler vermittelt, bei dem der mutmaßliche Mörder die Tatwaffe und andere Waffen gekauft haben soll.

H.s ehemalige Lebensgefährtin, die mit ihm eine kleine Tochter hat, charakterisierte den 44-Jährigen in einer Vernehmung nach dem Lübcke-Mord als „gefühllosen“ Neonazi. „Sein Motto war, wir Deutschen brauchen Waffen“, erinnerte sich die Zeugin. Das Verhältnis der beiden Freunde beschrieb sie so: Markus H. sei der „Denker“ gewesen, Stephan E. der „Macher“.

Die Ermittler sehen das ähnlich. Nach ihren Erkenntnissen hatte sich E. über Jahre hinweg akribisch vorbereitet auf den Mord an Walter Lübcke. Die Ankläger sind daher überzeugt, dass der Anschlag keine spontane Tat war, sondern ein sorgfältig geplantes Verbrechen.

So fuhr der mutmaßliche Täter seit Mai 2017 den Ermittlungen zufolge wiederholt zum Wohnhaus von Lübcke in Wolfhagen-Istha, um es auszukundschaften. Manchmal war er dabei bewaffnet. In der Dunkelheit schlich er sich an, spähte Garten, Terrasse und Hauszugang mit einem Nachtsichtgerät aus. Die akribischen schriftlichen Notizen mit Vorsichtsmaßregeln, die man bei E. fand, wertet die Anklage als Beleg für die gewissenhafte Vorbereitung des Anschlags. So heißt es in diesen Notizen: „Lange Kontrolle und Beobachtung des Tatorts vor der Tatausführung. An Tatwaffen dürfen keine Haare oder Textilfasern haften, weder von Dir noch vom Opfer. Was brauche ich an Material, Tatwerkzeug und Waffen: eventuell Pistole oder Schrotflinte und Nachtsichtgerät…“

In Frankfurt steht E. aber nicht nur wegen der Ermordung Walter Lübckes vor Gericht. Anfang 2016 soll er auch einen irakischen Flüchtling niedergestochen haben. Das Opfer wohnte in einer Flüchtlingsunterkunft, die in einem leerstehenden Gartencenter auf halbem Weg zwischen E.s Arbeitsstätte und seinem Wohnhaus untergebracht war – es war jene Unterkunft, um die es 2015 auf der Bürgerversammlung in Lohfelden ging.

Die Bundesanwaltschaft wertet den Angriff auf den Iraker als versuchten Mord. Stephan E. bestreitet jedoch die Tat. So wie er es inzwischen auch von sich weist, der Mann gewesen zu sein, der auf Walter Lübcke zutrat, mit der Waffe auf seinen Kopf zielte und abdrückte.