Mordor des Ostens? Jetzt ist die Zeit, um von Berlin nach Sachsen zu ziehen

Denn so eine Standpunktveränderung tut immer gut. Zuvor ein Test: ВEHH ДY ДAC ЛEЗEN КAHHCT БИCT ДY КEИH ДYMMEP ВECCИ. Aber stimmt das noch?

Sachsen, September 2022: ideologische Vorgartenpflege.
Sachsen, September 2022: ideologische Vorgartenpflege.dpa

Warum? Das ist manchmal mehr Gesichtsausdruck als Frage. So ein unmerkliches Zucken im Mundwinkel, große Augen, eine in Sorgenfalten gelegte Stirn. Jetzt stellen Sie sich folgende Situation vor, ein Gespräch unter Freunden, in dem einer sagt: „Ich ziehe von Berlin nach Sachsen.“ Und der andere dann so zuckt und guckt und vor lauter Sorge, etwas Unangebrachtes bis womöglich Verletzendes zu sagen, lieber schweigt, zuhört, erst allmählich begreift, nein, das ist kein Witz. So ist es mir vor ein paar Monaten ergangen. Nicht nur einmal. Witze haben wir dann später gemacht: „Was ist Gendern? Wenn in Sachsen ein Boot umkippt.“

Im Sommer habe ich tatsächlich Berlin verlassen und bin ins schöne Chemnitz an der Chemnitz gezogen, in eine Stadt zwischen Aufbruch und Abbruch, wie ich nach den ersten Sinneseindrücken dachte, oder eben „zwischen rechtsradikalem Brennpunkt und europäischer Kulturhauptstadt“, wie ich in einem kürzlich erschienenen Buch las. Die These: „Chemnitz ist ein politisches Risikogebiet geworden.“ Mit Pathos: Hier findet ein Kampf um die Zukunft unserer Demokratie statt. Oder mit anderen Worten: Es kann keine bessere Zeit geben für einen zeitenwendigen Move.

Sachsen ist das Land, aus dem der Kaffeefilter, Michael Ballack, Kraftklub und Pegida stammen, das Mordor des Ostens, mindestens Dunkeldeutschland, wo es ein breites Meinungsspektrum rechts der Mitte gibt und wo neben der Spritzenphobie auch eine Schwerkraft der schlechten Laune herrscht. Denken nicht viele so, die von außen schauen, beurteilen, verurteilen, ohne die Innensicht zu kennen?

Soll man Sachsen an Putin abtreten?

Fragwürdig an der Destination Sachsen war für mich allein schon die Nähe zu Bayern, nicht nur geografisch. Das sind zwei Bundesländer, pardon Freistaaten, die so vor Kraft strotzen und so viel Wind machen, aber kaum Windkrafträder aufstellen. Der Sonderweg ist ihr Ziel, und Berlin, dieser nichtsnutzige und besserwisserische und neuerdings so woke Moloch nur eine Reise wert, um hinterher die Heimat noch schöner finden zu können. Im Grunde, dachte ich, sind Sachsen und Bayern zwei indigene Bergvölker, die sich gerne missverstanden fühlen und am liebsten ihr eigenes Ding machen würden. Ideologische Vorgartenpflege. Mia san mia. Oder eben Säxit.

Neulich in downtown Chemnitz, sozialistische Musterstadt trifft kapitalistischen Bausündenpfuhl, sah ich einen älteren weißen Mann, was keine Besonderheit ist in einer Stadt, in der ältere weiße Männer in der Mehrzahl sind. Besonders war allerdings das, was auf seinem T-Shirt stand: „ВEHH ДY ДAC ЛEЗEN КAHHCT БИCT ДY КEИH ДYMMEP ВECCИ.“ Wenn du das lesen kannst, bist du kein dummer Wessi. Seit über dreißig Jahren schon.

So alt ist der Spruch, der sich nach der Wende großer Beliebtheit im Osten erfreute. Damals, als alles plötzlich wegbrach, viele Lebensläufe auf Leerlauf standen, man sich betrogen und einer Zukunft beraubt fühlte, als fast nichts mehr übriggeblieben war, auf das man noch stolz sein durfte, was man in den welkenden Landschaften Ostdeutschlands besser konnte als im Westen. Das Lesen von kyrillischen Buchstaben war eine Ausnahme.

Ich bin kein dummer Wessi. Ich bin ein in Polen geborener Pfälzer wie Miroslav Klose, die zweite Hälfte meines Lebens habe ich in Berlin verbracht. Mal im Osten, mal im Westen, nach dem letzten Umzug von Kreuzberg nach Lichtenberg fühlte ich mich fremd in der eigenen Stadt. Russisch habe ich in Moskau gelernt, vor vier Jahren war ich zuletzt dort. Und ließ mich blenden von der inszenierten Offenheit eines Fußballsommers.

Der ukrainische Historiker Kyrylo Tkachenko schlug neulich vor, Sachsen an Putin abzutreten, denn dort gäbe es „genügend Rechtsextreme – das Bundesland wäre somit ein gutes Ziel für die russischen Entnazifizierungsbemühungen“. Vor ein paar Monaten hätte ich ihm vielleicht zugestimmt. Heute, als Polenpfälzer, Ex-Berliner und Neu-Sachse, habe ich einen anderen Standpunkt. Denn so eine Standpunktveränderung tut immer gut.