Moskau - Täglich träfen neue Dokumente ein, er wisse schon viel, aber Details wolle er erst bekannt geben, wenn er „unwiderlegbare Fakten“ habe, sagte Andrei Kurjakow, Dienstaufsichtschef der Staatsanwaltschaft in der Ural-Region Swerdlowsk dieser Tage vor Journalisten. Das größte Geheimnis des 20. Jahrhunderts werde noch dieses Jahr gelöst.

Unzählige Theorien über den Unglücksfall führten nicht zur Lösung

Die Staatsanwaltschaft rollt den Tod neun junger Skiwanderer unter Führung des Radiotechnik-Studenten Igor Djatlow im Februar 1959 neu auf. Sie starben in ziemlich tödlicher Umgebung, im zwei Meter hohen Schnee des Nordurals, bei 25 Grad Minus. Trotzdem geriet ihr Untergang zum Mysterium. Ihre Leichen fand man über mehrere Quadratkilometer verstreut, die meisten in Socken, einige mit inneren Blutungen, mehrere trugen radioaktiv befleckte Kleidung.

Doch es gab keine Verletzungen, die auf eine Gewalttat hinwiesen – die sowjetischen Ermittler stellten das Verfahren bald ein. Die russische Staatsanwaltschaft aber prüft jetzt 75 verschiedene Versionen. Auch sie favorisiert als Unglücksursache eine Naturkatastrophe, ob Lawine oder Schneesturm. Aber es gibt inzwischen ungezählte andere Theorien, es gibt Dutzende Bücher und Filme, Hunderte Artikel über die Ursachen dieser seltsamen Katastrophe. Bleibt abzuwarten, ob das neue Verfahren sie alle widerlegen wird.

Keine Überlebenden der Expedition

Igor Djatlow, 23, und neun Kameraden und Kameradinnen, die meisten im gleichen Alter, waren am 27. Januar 1959 auf Skiern zu einer 300 Kilometer langen Wanderung in der bergigen Taiga am Nordrand der Region Swerdlowsk aufgebrochen. Heute würde man Trekking sagen, damals war es eine Expedition der schwersten Kategorie des sowjetischen Tourismusverbands. Die Teilnehmer hatten sie politisch sehr korrekt dem 21. Parteitag der KPdSU gewidmet. Ein sportliches, ehrgeiziges Team mit dem Selbstvertrauen mehrerer gemeisterter Extremrouten.

Einer kehrte schon am ersten Tag wegen einer Beinverletzung zurück, die übrigen zogen über zugefrorene Flüsse in Richtung des 1 097 Meter hohen Berges Cholatschachl – „Berg der Toten“ heißt er in der Sprache der einheimischen Mansen. Am Osthang, 300 Meter vom Gipfelgrat entfernt, bauten die Neun am 1. Februar ihr Zelt auf, nach letzten Fotos zu urteilen gegen 17 Uhr nachmittags. Die Nacht sollte keiner überleben.

Suchmannschaften fanden das halb eingestürzte Zelt am 25. Februar unter einer 20 Zentimeter dicken Schneeschicht, die Plane war mit einem Messer mehrfach aufgeschlitzt worden. Die ersten beiden Leichen wurden am nächsten Tag an einem 1,5 Kilometer entfernten Waldrand entdeckt, in Unterwäsche.

Unglücksfall inspiriert Selbstversuche am „Berg der Toten“.

Der erfrorene Djatlow umarmte 300 Meter entfernt eine Birke. Von den übrigen Toten trugen nur zwei warme Oberbekleidung und Stiefel, einige hatten Nasenbluten gehabt. Die vier letzten Opfer wurden erst im Mai in einer nahen Schlucht entdeckt, mit Rippenbrüchen, Schädelfrakturen und inneren Blutungen.
Ein schauerliches Ende, über dessen Gründe bis heute heftig spekuliert und gestritten wird. Zahlreiche Augenzeugen hatten in der Todesnacht einen Feuerball über die Taiga fliegen gesehen. Das und die Reste radioaktiver Strahlung auf mehreren Kleidungsstücken der Opfer führte schnell zu der Theorie, die Skiwanderer seien zufällig in die Erprobung einer neuartigen, womöglich atomaren Rakete geraten.

Auch die Landung eines aggressiven Spähtrupps von Außerirdischen wurde nicht ausgeschlossen. Man verdächtigte einen aus dem Winterschlaf gerissenen, erbosten Bären, geflohene Sträflinge oder Yetis. Kürzlich erklärte ein Mann in einer Talkshow, ein mansischer Jäger habe ihm erzählt, die Gruppe hätte eine heilige Opferstätte entweiht. Darum hätten seine Landsleute alle erschlagen. Die Katastrophe ist zur Industrie geworden. Immer neue Wandergruppen starten zu Selbstversuchen Richtung „Berg der Toten“.

Versuch der Aufklärung steht in der Kritik

Trekking-Fachleute verweisen indes auf eine Reihe schwerer Fehler, die die Wanderer damals begingen. So brachen sie am 1. Februar erst gegen 15 Uhr auf, gerieten schon nach wenigen Stunden in die Dämmerung, errichteten ihr Nachtlager am 30 Grad steilen, von Sturm und Lawinen bedrohten Berghang und nicht in dem nur 1,5 Kilometer entfernten Wald, in den sie später flohen.

Tatsächlich spricht sehr viel dafür, dass ein heftiger Schneesturm oder eine Staublawine einen Teil des Zeltes eindrückte, die Insassen die Plane aufschnitten und in Panik flohen, einige beim Sturz in die fünf Meter tiefe Schlucht tödliche Verletzungen erlitten. Und doch bleiben Rätsel. Und vor allem die Frage: Warum kehrten die langsam Erfrierenden nach dem ersten Schreck nicht zu ihrem Zelt zurück, um Stiefel, Kleider und Werkzeug fürs Holzmachen zu retten?

Staatsanwalt Kurjakow hat schon vor Beginn seiner Ermittlungen 15 der 75 Versionen gestrichen, weil alle die Staatsmacht grundlos geheimer Aktionen verdächtigt hätten. Im März will er mit einer ganzen Expedition von Kriminalisten zum Unglücksort fliegen. Dabei halten viele die neuen Ermittlungen für schlichtweg überflüssig. „Es wird keine neuen Ergebnisse geben“, sagte der Jekaterinburger Rechtsanwalt Sergei Kolosowski dieser Zeitung. Er hält das neue Verfahren für reine PR.