Berlin - Am Tag, nachdem die Vereinigten Staaten ihren 46. Präsidenten begrüßten, feiern die Amerikaner in Berlin weniger den Beginn einer Präsidentschaft Joe Bidens, sondern vielmehr das Ende der Ära Donald Trump. „Die neue Regierung wird ziemlich aggressiv vorgehen müssen“, sagt David Hawkins, ein Fotograf, der ursprünglich aus Chicago stammt und seit Jahren sowohl in Berlin als auch in Paris lebt. „Ich fand, Bidens Antrittsrede hat den richtigen Ton getroffen.“

Wie die meisten amerikanischen Wahlberliner hat Hawkins die vergangenen vier Jahre damit verbracht, sowohl über den ehemaligen Präsidenten Donald Trump schockiert zu sein, als auch sich Sorgen zu machen, wie dessen nächste Schritte aussehen könnten. Amerikaner im Ausland empfanden Trump oft schon deswegen als peinlich, weil er in den USA jahrzehntelang kaum mehr als ein öffentlichkeitswirksamer Clown war.

Hawkins sagt, es sei gut, Biden im Weißen Haus zu wissen, es werde aber das Kabinett des neuen Präsidenten sein, das die wirkliche Arbeit mache. „Ich denke, Sie werden eine Menge Leute um ihn herum sehen, die sich der Situation stellen“, so Hawkins. Bernie Sanders etwa, der jetzt den Haushaltsausschuss des Senats leitet, sei „Feuer und Flamme“ und habe angedeutet, dass er die neuen Befugnisse nutzen werde, um seine linke Agenda zu verfolgen, inklusive der Verdoppelung des gesetzlichen Mindestlohns.

Hawkins scheut den Konflikt nicht. Er stand in den Tagen vor der Amtseinführung auch in Kontakt mit republikanischen Freunden und Bekannten. „Viele von ihnen hatten immer noch dieses immense Gefühl der Berechtigung, als ob sie immer noch das Sagen hätten“, sagt er. „Ich glaube nicht, dass es ihnen vollständig dämmerte, dass sie diese Macht in den nächsten 24 Stunden verlieren würden.“

Bernie Sanders war auch auf den Twitter-Accounts der amerikanischen Diaspora Berlins beliebt – insbesondere das Meme, das den eingekuschelten Politiker von der Amtseinführung an verschiedene Orte in Berlin umsetzte.

Der hiesige Ortsverband von Bidens Partei, die Democrats Abroad, freuten sich natürlich über die Amtseinführung und richteten eine eigene Online-Feier aus. „Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor solch eine Amtseinführung gesehen zu haben und fand es überraschend bewegend – wenn man weiß, wie viel Zeit und Energie so viele Menschen bei den Democrats Abroad und zu Hause in die Wahl gesteckt haben“, sagt Powen Shiah, der lokale Pressesprecher der Organisation. Besonders die Dichterin Amanda Gorman habe ihn beeindruckt.

Shiah sagt, es sei schön gewesen, andere Menschen zu treffen, die seine Emotionen teilten, wenn auch nur virtuell. „Als wir gegen 21 Uhr fertig waren, hatte Präsident Biden bereits mehrere Exekutivanordnungen unterzeichnet, wie die Aufhebung des Einreiseverbots für Menschen aus mehreren überwiegend muslimisch geprägten Ländern und den Wiedereintritt in das Pariser Klimaabkommen. Es war also ein bedeutsamer Tag an vielen Fronten.“

Travis Todd, Geschäftsführer des Start-up-Netzwerks Silicon Allee, sagt, er freue sich, dass die Politik wieder „langweilig“ werden könne und dass die amerikanischen Wirtschaftsführer und ihre europäischen Kollegen wahrscheinlich begierig darauf gewartet hätten, zu normalen Beziehungen zurückzukehren.

„Es war anstrengend, jeden Tag während der Trump-Administration aufzuwachen und sich Sorgen zu machen, ob er das Land über Nacht in Schutt und Asche gelegt hat. Ich bin begeistert, wieder einen echten Menschen als Präsidenten zu haben, einen, der vor der Kamera weint und der ehrlich, ernsthaft und integer ist“, so Todd. „Ich denke, dass die Biden-Agenda in Europa auf freundliche Ohren stoßen und eine Wiederbelebung der transatlantischen Zusammenarbeit bewirken wird. Ich hoffe, dass sich die Deutschen auch für ihre bevorstehende Wahl in diesem Jahr inspirieren lassen werden.“