Berlin - Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat sich gegen eine Diskussion über mögliche Lockerungen der Corona-Maßnahmen nach dem 14. Februar ausgesprochen. „Jetzt über konkrete Daten für Lockerungen zu sprechen, wo wir kaum absehen können, wie sich die britische Mutante in den nächsten drei Wochen auswirkt, halte ich aktuell für wenig sinnvoll“, sagte Müller am Sonntag der Berliner Zeitung. 

Der Ausbruch am Reinickendorfer Humboldt-Klinikum, wo sich 20 Menschen mit der Mutante angesteckt hätten, bereite ihm große Sorgen. „Es muss jetzt alles darangesetzt werden, die Infektionszahlen weiter zu senken, und da sind wir bundesweit, aber vor allem auch in Berlin auf dem richtigen Weg. Ein unbedachter Abbruch dieses Wegs wäre fatal.“

Am Wochenende hatten führende Unionspolitiker eine schrittweise Beendigung der pandemiebedingten Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens ins Gespräch gebracht. So verwies der Vize-Fraktionschef der Unions-Bundestagsfraktion, Georg Nüßlein (CSU), auf die derzeit sinkenden Infektionszahlen.  

Er stelle fest, „dass die Stimmung kippt“, sagte Nüßlein der Augsburger Allgemeinen vom Sonnabend. Wenn sich die Lage in den kommenden Wochen nicht noch einmal drastisch verschlechtere, „dann müssen wir spätestens ab Mitte Februar einen anderen Weg gehen als den bisherigen“.

Nüßlein zieht auch das von der Bundesregierung favorisierte Inzidenz-Ziel in Zweifel: „Es ist wegen der massiven Auswirkungen nicht verantwortbar, so lange einen flächendeckenden Lockdown zu verordnen, bis die Inzidenz-Zahl unter 50 oder unter 35 sinkt“, sagte er. Der Inzidenzwert gibt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen an.

Kretschmer will im Februar erste Corona-Maßnahmen lockern

Für eine konkrete Öffnungsperspektive nach dem 14. Februar sprach sich auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) aus. Sein Vorschlag: Mitte Februar sollten Schulen und Kindergärten wieder öffnen, „wenn es verantwortbar ist“, sagte Kretschmer der Zeitung Die Welt. „Auch Friseure sollten dann wieder öffnen dürfen. Im März könnten wir dann über den Einzelhandel sprechen. Und nach Ostern auch über die Gastronomie.“

In Sachsen lag der Inzidenzwert am Sonntag bei 168 und damit um rund fünfzig Prozent über dem bundesweiten Vergleichswert. Berlin liegt knapp unter dem bundesweiten Durchschnitt.

Die Ministerpräsidenten von Niedersachsen und Thüringen, Stephan Weil (SPD) und Bodo Ramelow (Linke), warnten in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor einer verfrühten Rückkehr zur Normalität. „Da wir die wahren Ausmaße der hiesigen Mutationen nicht kennen, können wir jetzt nicht das Risiko eingehen und vorzeitig auch nur punktuelle Lockerungen ausprobieren“, sagte Weil.

Ramelow äußerte Verständnis für die Ungeduld der Bürger. „Ich wäre gerne längst bei meinem Friseur gewesen und bei meiner Fußpflege“, sagte er. Er glaube sogar, dass das Risiko in den Salons gering sei. Das sei aber nicht das Argument: „Ein Hauptfaktor, warum wir zu diesen Lockdowns kommen, ist auch die Reduzierung von Mobilität.“

Corona-Situation in Portugal bereitet Sorge

Rückläufig ist seit längerer Zeit die Zahl der stationär behandelten Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern. Allerdings wird befürchtet, dass die Ausbreitung der erstmals in Großbritannien festgestellten Virus-Mutation B.1.1.7 diese Entwicklung schlagartig wenden könnte. In Europa bereitet aktuell insbesondere die Entwicklung in Portugal Sorge, wo dieses Szenario bereits eingetreten ist. Laut einem Bericht der Tageszeitung Público vom Wochenende haben mehrere Krankenhäuser in der Hauptstadtregion Lissabon ihre Kapazitätsgrenzen erreicht, es würden Verlegungen von Patienten ins Ausland vorbereitet.

Nach aktuellen Erkenntnissen aus Großbritannien breitet sich B.1.1.7 um mindestens 30 Prozent schneller aus. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Sterblichkeit höher ist. Der Berliner Virologe Christian Drosten hat in einem aktuellen Interview mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel dazu geraten, die Ausbreitung von B.1.1.7 so weit wie möglich zu unterdrücken. Würden die Corona-Maßnahmen gelockert, könnten die Infektionszahlen ansonsten auf ein bisher ungekanntes Maß steigen.

In Berlin steht seit Ende voriger Woche das Humboldt-Klinikum in Reinickendorf als bundesweit erstes Krankenhaus wegen eines B.1.1.7-Ausbruchs unter Quarantäne und nimmt keine neuen Patienten mehr auf. Die Angestellten dürfen sich unter strikten Sicherheitsmaßnahmen nur noch zwischen dem Klinikum und ihren Wohnungen bewegen. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) betonte, Berlin verfüge trotz des zunächst zweiwöchigen Aufnahmestopps über „belastbare Krankenhauskapazitäten“.