Ukrainische Soldatenmütter erheben schwere Vorwürfe: Rotes Kreuz und UN versagen

Die Mütter der Verteidiger von Mariupol bangen. Das Schicksal der Asowstahl-Soldaten bleibt ungewiss. Freigelassene Kameraden berichten von Folter und Morden.

Alla, Iryna und Dana (v. l.) haben seit Mai keine Auskunft über das Schicksal ihrer Kinder erhalten.
Alla, Iryna und Dana (v. l.) haben seit Mai keine Auskunft über das Schicksal ihrer Kinder erhalten.Peter Althaus

Am Mittwoch werden Tausende Soldatenmütter in der Ukraine die Nachrichten mit noch mehr Aufmerksamkeit als sonst verfolgen. Denn der 24. August ist nicht nur Feiertag und der 31. Jahrestag der Unabhängigkeit der Ukraine. Russland will an diesem Tag in der besetzten Stadt Mariupol möglicherweise mit einem Schauprozess beginnen. Angeklagt werden sollen dabei angebliche Kriegsverbrecher aus der Stadt Mariupol.

Vor Gericht stehen aber nicht etwa Soldaten der russischen Invasionstruppen, die allein in Mariupol Hunderter Kriegsverbrechen beschuldigt werden. Auf der Anklagebank sollen die Verteidiger von Mariupol sitzen, die im Stahlwerk Asowstahl ausgeharrt hatten, bis die ukrainische Regierung sie zur Kapitulation aufrief – unter Vermittlung der UN und des Internationalen Roten Kreuzes.

Schauprozess statt Gefangenenaustausch

Ihnen wurde dabei eine Behandlung nach der Genfer Konvention für Kriegsgefangene versprochen, auch ein Austausch gegen russische Kriegsgefangene stand in Aussicht. Bisher sind jedoch lediglich 95 von rund 2600 Kämpfern und Sanitätern aus dem Stahlwerk Asowstal in Mariupol nach Hause zurückgekehrt. Auch Dana* wartet auf die Heimkehr ihres Sohnes. „Ich hab am 5. Mai das letzte Mal von Swiatoslaw gehört. Da war er verwundet“, berichtet sie. Die letzten ukrainischen Kämpfer in Mariupol kapitulierten am 19. Mai. Keine der Mütter wisse, wo sich ihre Söhne befänden oder wie es ihnen gehe.

Wie die anderen Mütter ist auch Dana nervös wegen des möglicherweise am Mittwoch beginnenden Schauprozesses. Zuvor waren auf russischen Propagandakanälen Bilder aus einem Theater in Mariupol aufgetaucht, in dem das vermeintliche Tribunal stattfinden soll. Sie zeigten Stahlkäfige, wie sie sonst nur für Schwerverbrecher üblich sind. Auch internationale Beobachter soll Russland eingeladen haben – aus Nordkorea, Syrien und Belarus. „Ich bin sprachlos“, sagt Dana. „Wie kann man ein rechtmäßiges Bataillon in einer rechtmäßigen Nationalgarde in einem rechtmäßigen Staat für eine rechtmäßige Verteidigung des Landes vor Gericht stellen?“, fragt sie.

Auch türkischen Präsidenten Erdogan um Hilfe gebeten

Die Frauen hätten sich nicht nur an die eigene Regierung, Präsident Wolodymyr Selenskyj und das Parlament der Ukraine gewandt. „Wir haben auch den türkischen Präsidenten Erdogan und die internationalen Organisationen kontaktiert. Von UN-Generalsekretär Guterres gibt es bisher nur ein Statement bezüglich des Angriffes auf Oleniwka, sonst nichts“, so Alla*, deren Sohn ebenfalls von den Russen gefangen genommen wurde.

Immerhin äußerte sich das UN-Hochkommissariat nun am Dienstag zu den geplanten Schauprozessen. Die Uno befürchtet nach Berichten über russische Vorbereitungen auf Prozesse gegen ukrainische Kriegsgefangene Verstöße gegen das Völkerrecht. Es habe aus russischen Kreisen Äußerungen gegeben, ukrainische Kriegsgefangene als „Kriegsverbrecher, Nazis und Terroristen“ zu verurteilen, sagte Ravina Shamdasani, Sprecherin des UN-Menschenrechtsbüros, am Dienstag in Genf. Wenn Kriegsgefangene eines Verbrechens angeklagt würden, hätten sie jedoch „Anspruch auf ein ordnungsgemäßes Verfahren und einen fairen Prozess“, so Shamdasani.

Recep Tayyip Erdogan mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Lwiw
Recep Tayyip Erdogan mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in LwiwUKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SER

Dabei hatten die Vereinten Nationen und das Internationale Rote Kreuz die Sicherheit der Kriegsgefangenen garantiert. Neben den Kämpfern seien auch Sanitäter, Polizisten und Grenzschützer unter den Gefangenen. „Auch Frauen und sogar Schwangere“, berichtet Alla. Die Mütter fordern nun, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. „Sie sind Kriegsgefangene. Sie müssen nach der Genfer Konvention beschützt werden“, sagt Alla und fügt hinzu: „Sie werden gefoltert und getötet.“

Das UN-Büro für Menschenrechte bemängelte am Dienstag zudem die fortdauernde Weigerung Russlands, unabhängigen Beobachtern Zugang zu Kriegsgefangenen zu ermöglichen – trotz wiederholter Aufforderung durch das Rechtsbüro der Vereinten Nationen, OHCHR. Dies erhöhe die Gefahr von Folter zur Erpressung von Geständnissen, sagte Shamdasani. Dass Gefangene Folter ausgesetzt wurden, darauf lassen Berichte von Freigelassenen schließen.

Erst am Montag sprachen drei der 95 freigelassenen Asow-Kämpfer von ihrer Kriegsgefangenschaft auf einer Pressekonferenz, die live im Internet gestreamt wurde. „Das letzte Mal, wo wir das Rote Kreuz gesehen haben, war am 17. Mai, kurz vor der Aufgabe. Da kamen Leute vom Roten Kreuz und verteilten Zettel, wo wir notieren konnten, wen sie informieren sollten, dass wir noch am Leben sind. Name, Geburtsdatum und Kontaktperson“, so Denys Chepurko. Danach geben alle ehemaligen Kriegsgefangenen an, keinen Kontakt mehr zu internationalen Organisationen gehabt zu haben. Auch nach der Haft habe es keine Anfragen bezüglich möglicher beobachteter Kriegsverbrechen während der Gefangenschaft gegeben.

Gefangene erhielten Spülwasser zu trinken

Grund dafür könnte sein, dass die Russen nach Aussagen Überlebender die Bedingungen nach der Genfer Konvention nicht befolgen. „Die Bedingungen dort wären selbst für gesunde Menschen eine Zumutung gewesen, ganz zu schweigen von Verletzten. Und wir dort waren alle schwer verletzt“, berichtet Wladislaw Schaworonok, der auch unter seinem Kampfnamen „Wikipedia“ firmiert.

Schaworonok wurde bei den Kämpfen in Mariupol schwer verletzt, es musste ihm ein Bein amputiert werden. „Manchen von den anderen Kämpfern wurden Nadeln in die offenen Wunden gestochen, um sie zu foltern“, sagt er. Auch seien den Gefangenen medizinische Versorgung, ausreichende Essensrationen oder sauberes Trinkwasser zum Teil verweigert worden. „Stattdessen gab man uns Spülwasser“, so der Soldat.

Ein Satellitenfoto zeigt das Gefangenenlager von Oleniwka, nachdem bei einem Angriff auf das Gefängnis ukrainische Soldaten getötet wurden.
Ein Satellitenfoto zeigt das Gefangenenlager von Oleniwka, nachdem bei einem Angriff auf das Gefängnis ukrainische Soldaten getötet wurden.AP/Maxar Technologies

Aussagen der Heimgekehrten, die zuvor unter Folter entstanden sein sollen, sollen laut deren Angaben auch gegen die weiterhin inhaftierten Soldaten verwendet werden. „Ich wurde geschlagen, als ich aufgefordert wurde, Beweise zu unterschreiben, Beweise gegen unsere Kommandeure“, berichtet Denis Tschepurko, der auch unter dem Kampfnamen „Manga“ firmiert.

„Diese ‚Beweise‘ belegten, dass angeblich wir die Stadt bombardiert hätten. Die wollten, dass wir die Schuld auf uns nehmen für alle Verbrechen, die sie begangen haben“, so Tschepurko. Er habe das Unterschreiben der fingierten Beweise abgelehnt. „Daraufhin begannen sie, mich mit Stöcken zu schlagen. Sie bedrohten mich mit Hinrichtung“, so der Veteran.

Autobomben-Anschlag könnte bei Schauprozess verwendet werden

Bei der Pressekonferenz am Montag gab es immer wieder Fragen dazu, was die Asowstal-Kämpfer bezüglich der mutmaßlich bei der Explosion einer Autobombe ums Leben gekommenen russischen Propagandistin Darja Dugina wüssten. Den drei Soldaten sei die vom russischen Geheimdienst beschuldigte Ukrainerin unbekannt.

Asow-Mitglied „Wikipedia“ wies darauf hin, dass die Frau auf dem vom FSB präsentierten Foto eine Uniform der Nationalgarde trüge, diese aber nicht nur von Mitgliedern des Asow-Bataillons getragen werde. Auch würden Frauen bei Asow bisher nicht für Kampfeinsätze eingesetzt. „Es sieht nach einer Aktion aus, die sich an die eigene Bevölkerung richtet“, so Schaworonok. „In Russland manipuliert man einfache Menschen. Sie werden die Anschuldigungen wahrscheinlich in Vorbereitung für den Schauprozess für unsere Verteidiger in Mariupol nutzen“, vermutet er.

Noch schlimmer wiegt für die Veteranen jedoch der Verdacht, dass die Russen ihre Kameraden ermordet haben könnten. So glaubt keiner von ihnen, dass das Kriegsgefangenenlager in Oleniwka von Ukrainern beschossen wurde. „Ich glaube, sie wollten die Zeichen der Folter verstecken. Sie haben eine Zahl von Gefangenen zu Tode gefoltert und wollten diese verstecken“, erklärt Dmytro Usichenko mit dem Kampfnamen „Vyshnia“ (Kirsche). Dass die Russen das Lager selbst zur Explosion gebracht haben, halten sie daher für wahrscheinlich. Zudem seien noch weitere Fälle seit der Evakuierung ungeklärt.

„Mein Untergebener war an einem sicheren Ort und gleich nachdem ich verwundet worden war, sprach ich über Funk mit ihm“, sagt Wladislaw Schaworonok. „Kürzlich habe ich erfahren, dass er auf der Liste der Gefallenen steht. Ich fürchte sehr, dass er ermordet wurde.“ So sei sein Kamerad in einem sicheren Unterschlupf gewesen und zudem habe es so kurz vor der Evakuierung keinen Beschuss mehr gegeben. „Als Kommandant kann ich nur hoffen, dass er zufällig auf die Liste der Gefallenen gesetzt wurde“, sagt Schaworonok. „Aber nach Oleniwka bereite ich mich auf das Schlimmste vor.“

* Die Nachnamen der Mütter wurden auf deren Wunsch zum Schutz der Gefangenen weggelassen.