mDeutschland hat ein neues Musical: "Liebe stirbt nie" aus der Feder des Erfolgskomponisten Lord Andrew Lloyd Webber feierte am Donnerstag im Operettenhaus in Hamburg eine umjubelte Premiere. Am Londoner Westend tat sich "Love Never Dies", so der Originaltitel, bei seinem Debüt im Jahr 2010 noch schwer, im australischen Melbourne lief es schon besser.

Ob die modifizierte und ins Deutsche übersetzte Fassung nun den Durchbruch für das Stück bringt? Es spricht einiges dafür: "Liebe stirbt nie" ist die Fortsetzung von "Das Phantom der Oper", das weltweit über 130 Millionen Menschen in seinen Bann zog. Ein Novum: Denn ein Musical-Sequel hat es bisher noch nie gegeben!

Auch romantische Stoffe, die tief in der klassischen Musik verwurzelt sind, kamen in den vergangenen Jahren eher zu kurz. Da wurde lieber auf technische Effekte gesetzt, wie einen spektakulären Boxring ("Rocky") oder eine LED-Leinwand, über der Darsteller in Vertikalakrobatik ein Fußballspiel in Vogelperspektive nachstellen ("Das Wunder von Bern").

Im Reich der Gaukler

"Liebe stirbt nie", das ebenfalls von Stage Entertainment auf die Bühne gebracht wird, kommt indes sogar ohne den fallenden Kronleuchter aus dem ersten Teil aus. Es begeistert auf allen Ebenen durch Schönheit: die des Bühnenbilds, der Kostüme, der Stimmen und der Musik. Und es ist sowieso mehr Oper als Musical.

Das liegt vor allem an den Protagonisten: Die Hauptrolle wird von dem klassisch ausgebildeten Tenor Garðar Thór Cortes gesungen, der in seiner Heimat Island bisher eher mit Elfen als mit Phantomen zu tun gehabt haben dürfte. Christine Daaé wird von dem amerikanischen Ausnahmetalent Rachel Anne Moore gespielt, die bis vor kurzem noch als Carlotta des ersten Teils auf der Bühne stand. Raoul Vicomte de Chagny wird von Yngve Gasoy-Romdal verkörpert, den die Hamburger schon als "Mozart" erleben konnten.

Die Geschichte setzt zehn Jahre nach "Das Phantom der Oper" ein. Der Mann mit der Maske lebt nun in Coney Island zwischen Gauklern, Kleinwüchsigen und pfundigen Tänzerinnen in einem Reich, das er "Mister Y’s Phantasma" nennt.

Großes Gefühlstheater

Seine Liebe Christine ist mittlerweile eine erfolgreiche Sopranistin und mit Raoul verheiratet. Ihr Sohn Gustave krönt das vermeintliche Glück. Doch das Phantom kann seine einstmalige Muse nicht vergessen. Es lockt Christine für das langersehnte Wiedersehen mit einem Trick zu sich. Und das große Gefühlstheater zwischen den Dreien beginnt aufs Neue.

Für "Liebe stirbt nie" mussten sich jedoch einige der bekannten Charaktere verändern: Raoul ist nun ein verschuldeter, spielsüchtiger, aber durchaus reumütiger Trinker. Die strenge Ballett-Lehrerin Madame Giry ist als verbitterte, nach Reichtum strebende Frau angelegt, die gegen Christine hetzt, weil diese ihrer suizidgefährdeten Tochter Meg Giry beim "Engel der Muse" ins Gehege kommt. Auch das Phantom selbst hat eine Wandlung vollzogen: Es hat von seiner mystischen Aura verloren, ist nun mehr Mensch als Kreatur der Unterwelt. Man sieht das Phantom vorm Tresen einer Bar, im hell erleuchteten Wohnzimmer und sogar beim Zeitunglesen. Außerdem küsst er viel besser als noch vor zehn Jahren: nämlich ganz schön leidenschaftlich!

In "Liebe stirbt nie" sind dennoch viele Querverweise zum ersten Teil eingebaut. Manche sind offensichtlich, wie die Spieluhr, die Stahlbrücken oder der Spiegel, durch den das Phantom immer noch gerne in Räume eintritt. Und auch Altmeister Webber zitiert sich geschickt und nicht zu plakativ hier und da selbst. So ertönt immer dann, wenn sich das Phantom ankündigt, die bereits aus dem ersten Teil bekannte Melodie.

Eher schlichte Dialoge

Andere Verknüpfungen sind nur für echte Phantomologen ersichtlich, beispielsweise wenn der "Engel der Muse" den Schönling Raoul noch einmal als "impertinenten Laffen" bezeichnet. Solche Wortschöpfungen sucht man in den neuen, schlichter anmutenden Dialogen ansonsten vergeblich.

Dafür ist die Orchester-Musik von Webber ganz wundervoll geraten. Gleich zu Anfang sorgt die Selbstmitleids-Ode "So sehr fehlt mir dein Gesang" für einen ersten Gänsehaut-Moment durch das Phantom. Es gibt auf verschnörkelten Balkonen oder im Skurrilitäten-Kabinett im Keller mehrere, emotionsgeladene Duette zwischen ihm und Christine, die beide immer noch dieselbe Garderobe wie damals auftragen.

Bei "Phantom II" wird aber auch ordentlich düster und modern gerockt, wenn der Masken-Mann und Gustave aufeinandertreffen, der sich als sein Sohn entpuppt.

Atemberaubende Kulisse

Kann einem beim Anblick eines Bühnenbilds der Atem stocken? Das ist möglich! Christine steht allein vor einer nachtblauen Kulisse, die das Gefieder eines Pfaus nachahmt. Sie trägt ein Kleid, dessen Rückseite an den Schweif eines Pfaus erinnert. Mit glockenheller Stimme singt sie vom Schmerz des gebrochen Herzens, im Titelsong "Liebe stirbt nie".

Unweigerlich kramt man als Zuschauer dabei in den eigenen Erinnerungen an eine Liebe, die nicht ist. Es muss ein Stein sein, wer bei diesem gesanglich so exzellenten Vortrag keine feuchten Augen bekommt. So erging es übrigens auch dem mit Oscars und Grammys dekorierten Webber in Hamburg.

Allein für diese drei Minuten lohnt sich der Besuch bei "Liebe stirbt nie". Wenn es nicht noch so viel anderes in der bunten Welt von Coney Island zu bestaunen gäbe. Am Ende mag man sich nicht entscheiden, wem man Christine denn nun mehr gönnt: dem Phantom oder Raoul. Damit sich die Hamburg-Reise lohnt, muss man übrigens den ersten Teil nicht gesehen haben, aber es bringt mehr Spaß.