Die Botschaft hinter Arsen Mirsojans neuem Lied „Mein Land“ ist simpel: Bleib' in der Ukraine und kämpfe. „Ich habe keine Angst mehr. Ohne dich kann ich nicht existieren“, heißt es in dem Song. Der ukrainische Rocksänger schrieb die Ballade während der Schlacht um Kiew in den ersten Tagen der russischen Invasion.

Mirsojan kämpfte selbst wochenlang. Auf seinem Handy zeigt er Fotos von der Front: Bilder von Toten, aber auch von improvisierten Konzerten. „In ‚Mein Land‘ geht es um meine Entscheidung, hier zu bleiben“, sagt er. „Ich wollte diejenigen bestärken, die zauderten, ob sie fliehen oder bleiben sollten.“

Volkslieder für Videos mit zerstörten russischen Panzern

Viele Musiker in der Ukraine verarbeiten ihre Erfahrungen im Krieg, ihre Wut auf die Angreifer oder den wachsenden Patriotismus in ihren Songs. Kriegshymnen befeuern den Widerstandswillen, ein Lied besingt die von den ukrainischen Truppen besonders gerühmten türkischen Kampfdrohnen. Tik-Tok-Videos von der Zerstörung russischer Panzer werden mit Volksliedern unterlegt.

dpa/Jens Büttner
Kalush gewann den ESC 2022. Song, Video und auch viele Aussagen der Show bezogen sich auf den Krieg.

Der Krieg dominierte auch den Auftritt des Kalush Orchesters beim Eurovision Song Contest, den die Ukrainer gewannen. „Dieser Sieg ist für alle Ukrainer“, sagte Sänger und Frontman Oleh Psiuk nach dem Gewinn der Trophäe. „Dieser Sieg ist sehr wichtig für die Ukraine, vor allem in diesem Jahr.“

Andere Musiker legten ihre Instrumente beiseite und griffen zur Waffe, wie die Rockband Antytila. Im Mai kehrte die Gruppe kurz nach Kiew zurück, um mit der irischen Rockband U2 ein Konzert in einer U-Bahn-Station zu geben, die als Bunker genutzt wird.

Auch die Radiosender haben ihr Musikprogramm umgestellt: Statt der aktuellen Hits laufen dort jetzt patriotische Lieder und Balladen über das Leid und den Schmerz des Krieges. „Wir wissen, dass dies ein langer Krieg wird und dass wir Kraft brauchen“, sagt Julia Winnytschenko, Programmdirektorin bei NRJ Radio in Kiew. Vor der Invasion lautete der Slogan des Senders „Nichts als Hits“, inzwischen wurde er in „Stimmung für den Sieg“ geändert.

„Alle Lieder haben auf die eine oder andere Weise mit dem Krieg zu tun. Es geht um die verschiedenen Gefühle - Melancholie, Traurigkeit, Schmerz und Siegeshunger“, sagt DJ Jana Manuilowa über die Titel, die sie für ihre Morgensendung auf NRJ auswählt. „Ich bin sehr beeindruckt davon, wie schnell die ukrainischen Künstler auf den Krieg reagiert haben.“

„Im Moment kann man einfach keine Liebeslieder singen“

Zum Beispiel Max Barskih, der vor dem Krieg mit eher leichten Liedern großen Erfolg hatte. Nun begeistert er Soldaten und Fans gleichermaßen mit seiner Schlachthymne „Don't Fuck with Ukraine“ (Leg dich nicht mit der Ukraine an).

„Ich denke, die Szene hat sich verändert“, sagt Danylo Chomutowski, einer der Gründer von Aristocrats Radio in Kiew. Früher hätten sich die meisten Künstler von allem Politischen fern gehalten, jetzt setzten sie sich mit ernsteren Themen auseinander. „Sie sind sich der Verantwortung bewusst geworden, dass sie andere Menschen beeinflussen - Hunderte, Tausende, Millionen“, beschreibt Chomutowski den Wandel.

Bei einem Konzert am Stadtrand von Kiew trat in der vergangenen Woche die Band Otscheretyanji Kit auf einem ausgebrannten russischen Panzer auf und schmetterte ihren neuen Song „Javelin“ zu Ehren der von den USA gelieferten Panzerabwehrraketen. „Im Moment kann man einfach keine Liebeslieder singen“, sagt Sänger Serge Tiagnyriadno. „Das ist gerade nicht wichtig.“