Mutmaßlicher Attentäter von Berlin: Italienische Behörden hielten Anis Amri für äußerst gewalttätig

Rom - Anis Amri war vor knapp sechs Jahren, im April 2011, als Bootsflüchtling auf der italienischen Insel Lampedusa gelandet und dort von den Behörden registriert worden. Es war die Anfangszeit des Arabischen Frühlings, einige Monate zuvor, im Dezember, hatten die Aufstände in Tunesien begonnen.

Zu Tausenden bestiegen Tunesier damals Boote mit Ziel Süditalien und vor allem Richtung Lampedusa, das auf halbem Weg im Mittelmeer liegt. Die 6.000 Einwohner zählende Insel beherbergte im März bereits 5.000 Flüchtlinge. Italien rief damals wegen des Ansturms den humanitären Notstand aus.

Falsche Altersangabe

Der heute 24 Jahre alte Amri gab bei seiner Ankunft an, er sei 1994 geboren und minderjährig, obwohl er bereits 18 Jahre alt war. Offenbar wusste er, dass minderjährige Flüchtlinge in Italien größeren gesetzlichen Schutz genießen. Was danach passierte, darüber verbreiteten italienischen Medien am Donnerstag unterschiedliche Versionen. Einige schreiben, er sei ins überfüllte Aufnahmelager Lampedusa gekommen und habe sich dort im September an einem Aufruhr der Insassen beteiligt, Feuer gelegt und sei deshalb wegen Brandstiftung verurteilt worden.

Die Zeitung La Stampa und der Fernsehsender SkyTg24 berichteten dagegen, Amri sei in eine Unterkunft für Minderjährige in Belpasso nahe Catania gebracht worden und dort zur Schule gegangen. Er habe recht schnell ein „Klima des Schreckens“ verbreitet, mit Drohungen, Gewalttätigkeiten, Sachbeschädigungen, Diebstählen. Als man versuchte, ihn zur Vernunft zu bringen, habe er rebelliert, schreibt La Stampa unter Berufung auf Gerichtsakten.

Brandstiftung und Diebstahl

Amri versucht dann, in der Schule Feuer zu legen und wird am 23. Oktober 2011 festgenommen. In der Zwischenzeit auch offiziell volljährig, wird er 2012 vom Gericht in Catania wegen Brandstiftung und Diebstahls zu vier Jahren Haft verurteilt. Die sitzt er zunächst in Catania, dann im wegen Überfüllung und schlechten Haftbedingungen berüchtigten Gefängnis „Ucciardone“ in Palermo ab, wo auch viele Mafiosi inhaftiert sind.

Laut Nachrichtenagentur Ansa galt Amri den Behörden als äußerst gewalttätig, was Mithäftlinge bestätigt hätten. Laut Ermittlerkreisen habe es aber keine Anzeichen für eine islamistische Radikalisierung gegeben. Abdelkader Amri, ein Bruder des Terrorverdächtigen in Tunesien vermutet hingegen, er habe sich in italienischer Haft radikalisiert. Auch SkyTg24 berichtete, er sei im Gefängnis unter Beobachtung gestellt worden, wegen „radikalen antichristlichen Verhaltensweisen“.

An Theater-Projekt teilgenommen

2013 nahm Amri laut Ansa an einem Theater-Projekt für Inhaftierte im Gefängnis von Enna teil. Aufgeführt wurde die musikalische Komödie „Rinaldo in campo“, deren Hauptfigur eine Art sizilianischer Robin Hood ist. Eine Freiwillige, die als Schauspielerin mitwirkte, beschrieb Amri als scheu und ruhig. Er habe eine Rolle als Trommler bekommen.

Am 18. Mai 2015 wird Amri dann 156 Tage vor dem regulären Ablauf seiner Strafe vorzeitig entlassen und soll nach Tunesien abgeschoben werden. Er wird in ein so genanntes CIE, Zentrum für Identifizierung und Abschiebung, in der sizilianischen Stadt Caltanissetta überführt. Auch wenn die CIE offiziell nicht so heißen, so sind es faktisch von Stacheldraht umgebene Abschiebegefängnisse.

Tunesische Behörden kooperierten nicht

Zur Abschiebung von Amri kam es dann allerdings nicht, weil die tunesischen Behörden nicht kooperierten. Sie hätten die Prozedur zur Anerkennung der Identität von Amri nicht innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Frist von einem Monat vollzogen, zitiert La Stampa offizielle Quellen. Amri wird aus dem CIE entlassen.

Tatsächlich ist es ein sehr häufiges Problem, dass abgelehnte oder straffällig gewordene Asylbewerber nicht in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden können, weil sie keine gültigen Papiere haben.

Abtauchen in die Illegalität

In Italien ist es in solchen Fällen gängige Praxis, dass die Betroffenen schließlich auf freien Fuß gesetzt werden und ein Dokument der Polizeipräfektur ausgehändigt bekommen, wonach sie innerhalb von sieben Tagen Italien selbstständig zu verlassen haben. Fast immer tauchen sie dann in die Illegalität ab. Anis Amri setzte sich nach Deutschland ab. Das Dokument, das unter dem Sitz Lkw in Berlin gefunden wurde, soll angeblich das italienische Ausweisungsschreiben gewesen sein.

Die italienischen Behörden versichern, sie hätten damals alle ihre Informationen über Anis Amri in die gemeinsame Datenbank des Schengen-Systems SiS eingetragen.