Um die Fleischtheke macht die Tochter unserer Autorin einen Bogen, meistens jedenfalls. 
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Meine Tochter ist fast 17 Jahre alt. Früher habe ich ihr die Welt erklärt. Jeden Tag beim Abendbrot und immer dann, wenn wir zusammensitzen, geht es bei uns um das, was wir am Tag erlebt haben, was in der Welt und in der Politik passiert ist. Seit einiger Zeit erklärt sie mir ihre Welt. Ich habe mich entschlossen, zuzuhören.

MUTTER: Kommst du zum Essen? Ich hab Spaghetti Bolognese gemacht.

TOCHTER: Für mich nur Nudeln.

Isst du jetzt gar kein Fleisch mehr?

Nee, höchstens noch einmal im Monat. Weil für ein Kilo Fleisch zehn Kilo Getreide angebaut werden müssen und das viel CO2 freisetzt und weil am Ende wenig dabei herauskommt. Es verhungern Menschen, aber wir haben den Luxus und essen das Fleisch. Das Getreide, das für die Tiere dabei draufgeht, wird nicht gespendet und nicht sinnvoll verwendet. Das möchte ich eigentlich nicht mitmachen. Mal abgesehen davon, dass übermäßiger Fleischkonsum sowieso total ungesund ist.

Okay, da würde ich dir recht geben. Ich würde auch weniger Fleisch essen als bisher. Aber das Gemüse, das du stattdessen isst, musst du natürlich auch anbauen, und wenn man darauf achtet, dass die Tiere nicht aus Gegenden kommen, in denen der Regenwald dafür abgeholzt wird, und sie ein gutes Leben haben, dann kann man doch noch Fleisch essen, oder nicht?

Glaub ich nicht. Wenn ich Bio-Fleisch kaufe, bleibt es das gleiche. Auch diese Tiere müssen essen und es wird viel CO2 freigesetzt. Dann lasse ich das lieber gleich mit dem Fleisch. Gemüse wird so gegessen, wie es angebaut wird. Das viele Getreide als Futter für Tiere ist einfach weg. Das geht nicht. Das ist keine Relation. Das ist nicht richtig.

Und ist es für dich Verzicht oder hast du keine Lust mehr auf Fleisch?

Verzicht. Ich esse sehr gerne Fleisch. Aufstrich schmeckt mir nicht, aber eine Wurst, ein Steak, ein Schnitzel, das finde ich schon lecker. Ich verzichte aber gerne, weil ich weiß, es ist für einen guten Zweck.

Eigentlich wollte ich dich ja fragen, was wir Weihnachten essen wollen. Ich würde gern eine Ente machen. Was machen wir dann aber mit dir?

Weihnachten esse ich Fleisch.

Ach so? Und warum das?

Na ja, nur Heiligabend und bei den Omas. Sonst ist es für sie blöd, weil sie für mich was anderes kochen müssen. Das ist dann das Besondere. Ich verzichte den ganzen Dezember.

Bleibt das jetzt so? Höchstens einmal im Monat?

Ja, wenn überhaupt. Ich fühle mich besser. Gesünder, weil ich nicht ständig Fett zu mir nehme, und ich habe auch ein reineres Gewissen. Immer wenn ich ein Stück Fleisch oder Wurst gegessen habe, hatte ich im Kopf, dass die Tiere nicht gut behandelt werden.

Das kommt jetzt, weil du drüber nachdenkst.

Nein, das hab ich immer schon gehabt. Bei Biofleisch weniger, aber bei konventionellem Fleisch war es immer eine Hemmschwelle für mich, das in Massen zu essen, weil ich das Gefühl hatte, ich unterstütze eine Art Lebensstil und Industrie, die ich absolut verabscheue.

Weil es schlecht für die Tiere ist.

Ja, weil es absolute Tierquälerei ist, schlecht für die Umwelt und diesen Konsum fördert. Man muss nicht jeden Tag Fleisch essen.

Aber das machen wir ja schon lange nicht mehr.

Natürlich, aber wenn ich Massentierhaltungsfleisch esse, unterstütze ich das ja trotzdem. Wenn ich aber Biofleisch esse, sterben immer noch Tiere und es bleibt die Tatsache, dass für ein Kilo Fleisch zehn Kilo Getreide draufgehen. Das finde ich schon ein bisschen krass.