Berlin/Bonn - An einem ungemütlichen Winterabend des Jahres 1990 läuft Angela Merkel in Bonn in Richtung des Hotels Maritim zu einer Weihnachtsfeier, als sie hinter sich Heiner Geißler entdeckt. Sie bleibt stehen, blickt verloren durch die kalte Luft ihres neuen Arbeitsortes.

Geißler, damals Generalsekretär, erkennt sie, die junge Frau aus dem Osten in einer ihrer ersten Parlamentswochen. Er nimmt sie bei der Feier mit zu sich an den Tisch, sie unterhalten sich erstmals. Sie habe gescheit, aber auch noch etwas ängstlich und hilflos auf ihn gewirkt, erinnerte sich Geißler später. Die Neue in Bonn.

28 Jahre später läuft Angela Merkel wieder in jenes Hotel Maritim, wieder ist es kalt und ungemütlich. Dieses Mal ist sie umgeben von einer Traube von mehreren Dutzend Beratern, Dolmetschern, Hauptstadtjournalisten und Polizisten mit Knopf im Ohr.

Es ist der vergangene Donnerstag, eigentlich wollte Merkel gerade auf dem Weg zum G20-Gipfel nach Buenos Aires sein. Ein Fehler an der Technik zwang die Kanzlermaschine zur Umkehr – und Merkel zur unfreiwilligen Rückkehr in das Hotel, in dem vor 28 Jahren mit dem Kontakt zum mächtigen Heiner Geißler ein erster Schritt in der großen Parteikarriere der Angela Merkel gemacht wurde.

Déjà-vu im Hotel Maritim, weil der Flug nach Buenos Aires nicht geht
Zwischen 1990 und 2018 liegt mehr als nur eine politische Laufbahn. Es sind 28 Jahre, in denen sich Angela Merkel von einer Quereinsteigerin aus der Wissenschaft zur mächtigsten Frau der Erde entwickelt hat, die auf großen Gipfeln ein Fixpunkt für Staatschefs aus aller Welt geworden ist.

In der größten Krise beherzt zugegriffen

Und es liegt eine Parteikarriere in diesen 28 Jahren, die es in sich hat. Aus dem Nichts hat Angela Merkel sich den Weg nach oben gebahnt und in der größten Krise der CDU seit ihrem Bestehen beherzt zugegriffen. Seit der Schwarzgeld-Affäre des Jahres 2000 war Merkel Parteichefin.

Und ab dem Freitag dieser Woche, ab dem Hamburger Parteitag, wird sie es nicht mehr sein. Es ist eine Zäsur für die CDU. Es ist eine Zäsur für Deutschland.

Drei Parteichefs haben die CDU in der Nachkriegszeit geprägt. Konrad Adenauer hat die Bindung Deutschlands an den Westen vollzogen. Helmut Kohl hat die Wiedervereinigung vollbracht und Europa zusammengeführt. Und mit Angela Merkel ist die CDU in der Moderne angekommen.

Nicht nur, weil sie die erste Ostdeutsche, die erste Frau an der Spitze der westdeutschen Männerpartei wurde – sondern auch, weil sie die CDU gesellschaftspolitisch umgekrempelt hat. Die Partei, die sich Ende der Neunzigerjahre in Teilen noch weigerte, Vergewaltigung in der Ehe als Straftat anzuerkennen, hat unter Merkel das Elterngeld, den Kita-Ausbau und die Ehe für alle beschlossen.

Doch Merkels Weg war immer auch umstritten. Die Verluste bei Wahlen und Umfragen bringen viele in der Partei mit ihrer Politik in Verbindung, die sie als konturlos und beliebig empfinden, als nicht konservativ genug.

Und so wird der Parteitag in Hamburg nicht nur darüber entscheiden, ob Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder Jens Spahn Merkel an der Parteispitze beerben werden – es wird zugleich auch darum gehen, wie viel aus der Ära der ersten Parteichefin der CDU bleiben darf.

Doch kann es tatsächlich ein Zurück in die Vergangenheit geben? „Viele der Entscheidungen der Ära Merkel zur Modernisierung der CDU waren Richtungsentscheidungen, die sich behaupten werden“, glaubt Verteidigungsministerin und Parteivize Ursula von der Leyen. „Die Entscheidungen zur Gesellschafts- und Familienpolitik sind unumkehrbar. Elterngeld, Kitaplätze und ein gut gemachter Mindestlohn sind breit akzeptierte Realität.“

Von der Leyen ist neben Merkel das Gesicht der Modernisierung der CDU. Als Merkel 2005 Kanzlerin wurde, holte sie von der Leyen aus Hannover als Familienministerin in ihr Kabinett. Elterngeld und Kitaausbau hat von der Leyen umgesetzt. Im Gespräch betont von der Leyen nun, dass dieser Weg dringend notwendig war. „Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, die CDU mit ihr.“

Gegenwind für die Flüchtlingspolitik

Doch so selbstverständlich wie ihre Verbündete wurde Merkels Weg von vielen nicht hingenommen. Akzeptierte die Partei die familienpolitischen Veränderungen oder auch die Aussetzung der Wehrpflicht noch murrend, spürte Angela Merkel seit 2015 gerade in der Migrationspolitik die Grenzen des Liberalismus in der Union.

Der Widerstand gegen ihre Flüchtlingspolitik hat Merkel letztlich zu dem Rückzug gebracht, den sie nun vollzieht. Nach einem Jahr, das auch Merkel, die Frau der tausend politischen Tricks, an ihre Grenzen gebracht hat.