Zur Trauerfeier im schwäbischen Backnang sind am Dienstag Hunderte Menschen gekommen, um Abschied von den Brandopfern zu nehmen. Beim Totengebet in der Moschee anwesend waren auch deutsche und türkische Politiker. Beistand leistete in den vergangenen Tagen auch Gökay Sofuoglu, Landesvorsitzender der türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg.

Herr Sofuoglu, Sie waren in den letzten zwei Tagen in Backnang. Was haben Sie dort erlebt?
Ich habe viele Menschen vor dem Haus getroffen, und die Bestürzung und der Schock bei den Leuten ist groß. Gleichzeitig gibt es viel Solidarität. In einer Moschee wurde ein Raum für Besucher eingerichtet, dort wird zum Beispiel für alle gekocht. Solidarität kommt vor allem aus der türkischen Gemeinde, aber auch von Schulfreunden und Lehrern der Kinder, der Oberbürgermeister war schnell vor Ort, alle haben ihre Anteilnahme gezeigt.

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie von dem Brand hörten?
Ich habe es morgens um 8 Uhr erfahren und mein erster Gedanke war, wie bei so vielen, dass es ein Anschlag war. Als die Polizei das schnell ausschloss, fragte ich mich: Stimmt es, was die Polizei sagt? Ganz einfach, weil ich in der Vergangenheit erlebt habe, dass es Aufklärungsmängel in Sachen rassistische Angriffe gab, ob bei den NSU-Morden oder bei anderen Vorfällen. Das führt ganz automatisch dazu, dass man misstrauisch wird. Und dann ist da natürlich die Trauer, vor allem weil sieben Kinder dabei umgekommen sind. Außerdem habe ich überlegt, wie man es schafft, dass die türkische Community jetzt ruhig bleibt. Solche Sachen kochen ja schnell hoch.

Welche Reaktionen gab es denn aus der türkischen Gemeinde?
Bei den ersten Gesprächen haben einige gesagt: „Schon wieder die Nazis, schon wieder gegen die Türken, reicht es nicht?“ und auch, dass sie etwas dagegen tun wollten. Sie haben überlegt, wie sie sich wehren könnten.

"Die Deutschen verstehen die Türken nicht"

Wie haben Sie versucht, zu beruhigen in einer so emotionalen Situation?
Ich denke, die Transparenz der Polizei, die ich auch in den letzten Tagen erlebt habe, trägt sehr dazu bei. Dann kam ja auch sehr schnell der Botschafter aus Berlin, um zu unterstützen und wir sind als Ansprechpartner für die türkische Community da. Ich denke, wir haben gemeinsam erreicht, dass es keine Eskalation gab.

Wie haben Sie die Reaktion von Deutschen erlebt?
Ich glaube, sie verstehen nicht so ganz, dass viele Türken bei Fällen wie dem in Backnang in erster Linie an rassistische Vorfälle denken. Ich habe in den letzten Tagen immer wieder gehört „ihr seid ja so empfindlich“, wenn ich daran erinnert habe, dass es auch ein rassistischer Anschlag sein könnte. Ich glaube, damit haben die Deutschen wirklich Probleme.

Selbst die türkische Regierung hat sich eingeschaltet und angekündigt, dass sie die Untersuchungen überwachen wird.
Die türkische Regierung möchte natürlich zeigen, dass die Menschen hier nicht alleine sind. Sie versuchen, Rückendeckung zu geben. Es ist einerseits gut, lückenlose Aufklärung zu fordern. Auf der anderen Seite ist eine Einmischung natürlich nicht angebracht. Ich habe es aber auch nicht als solche empfunden, schließlich fordern wir ja auch die Aufklärung des Falls.

Welche Konsequenzen wünschen Sie sich?
Ich hoffe, dass der Fall auch zum Anlass genommen wird, um über Armut in Deutschland zu reden. Dieses Thema betrifft deutsche Familien ebenso wie Migranten. Die Umstände unter denen die Familie in Backnang gelebt hat, passen nicht zum modernen Deutschland – die Mutter und ihre Kinder hatten nicht mal fließend warmes Wasser und marode Stromleitungen. Ich hoffe, dass diese Debatte beginnt.

Das Interview führte Alexandra Reinsberg