Wie auch immer die Wahl am Sonntag ausgeht, der Bundestag wird in der nächsten Legislaturperiode ein anderer sein. Denn mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wird dort nicht nur zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine rechtspopulistische Partei vertreten sein, es ist auch nicht auszuschließen, dass die Alternative für Deutschland (AfD) sogar drittstärkste Kraft wird. In jüngsten Meinungsumfragen liegt die Partei zwischen acht und elf Prozent. Käme es zu einer Neuauflage der großen Koalition, wäre die AfD sogar Oppositionsführerin.

Für alle anderen Parteien ist allein schon der Einzug ins Parlament ein Schreckensszenario. Intern wird heftig debattiert, wie man mit den Neuen umgehen soll, auch wenn niemand gern offen darüber spricht. In den 13 Landtagen, in denen die AfD bereits sitzt, ist der Ton härter geworden. Wie viel Einfluss gesteht man einer Partei zu, die hetzt und pöbelt, aber demokratisch gewählt ist?

Mindestens 60 Abgeordnete der AfD werden künftig in Berlin Politik machen, vielleicht sogar 80. Führen werden die Fraktion wahrscheinlich die Spitzenkandidaten Alice Weidel und Alexander Gauland. Weidel hat kürzlich in der Berliner Zeitung angekündigt, dass sie ernsthafte Oppositionspolitik betreiben und ihre Partei bis 2021 regierungsfähig machen will.

Vorsitz in wichtigem Ausschuss?

Überspringt eine Partei die Fünfprozentklausel, kommt sie in den Genuss bestimmter Rechte, manche sind klar geregelt, andere beruhen auf informellen Gepflogenheiten. Schon Monate vor der Wahl wurde auf einen Vorstoß des scheidenden Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) die Bestimmungen über den Alterspräsidenten des Bundestags geändert: Nicht mehr der an Jahren älteste, sondern der dienstälteste Bundestagsabgeordnete soll nun dieses Amt übernehmen, das in der ersten Bundestagssitzung eine Rolle spielt: Der Alterspräsident eröffnet die konstituierende Sitzung. Ausschlaggebend für die Reform war der 77-jährige niedersächsische AfD-Kandidat Wilhelm von Gottberg, der den Holocaust – also die Ermordung von Millionen Juden in der Nazi-Zeit – als „wirksames Instrument zur Kriminalisierung der Deutschen und ihrer Geschichte“ bezeichnet hat. Alterspräsident wird nun wohl der derzeitige Finanzminister Wolfgang Schäuble, der bereits zwölf Wahlperioden im Bundestag sitzt.

Sollte die AfD die größte Oppositionspartei werden, stünde ihr der Vorsitz des Bundestags-Haushaltsausschusses zu – ein einflussreicher Posten. In den anderen Parteien gibt es Überlegungen, ob das zu verhindern ist. Die parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Britta Haßelmann, sagte allerdings: „Wir wollen keine Lex AfD.“ Der Partei solle keine Gelegenheit geboten werden, „sich als Opfer zu inszenieren“. Verweigern kann man der AfD die Leitung eines Ausschusses nicht. Im jetzigen Bundestag leitet die Union zwölf der 23 Ausschüsse, die SPD sieben, Grüne und Linke jeweils zwei.

Heftig gerungen wird hinter den Kulissen auch über die Sitzordnung. Wird die AfD ganz rechts außen platziert werden wie in der letzten Bundesversammlung im Februar? Damit säße sie dann direkt vor der Regierungsbank – aus Sicht der Regierung, die sicher ohne AfD auskommt, ein Nachteil. Den Platz ganz links beansprucht die Linke für sich. Es gibt Koalitionspolitiker, die deswegen dafür plädieren, die AfD ganz zentral in die Mitte zu setzen. Auch das ist allerdings ein prominenter Platz. Was also tun? Noch ist nichts entschieden, heißt es aus der Bundestagsverwaltung.