Der Anschlag in Hanau hat einen Diskurs entfacht, der diskutiert werden sollte.
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Am Donnerstagmorgen, der Hanauer Hintergrund war noch unscharf, wurde auch ich verrückt. Mir war, als lägen hinter Barrikaden mit Gewissheiten geladene Granaten. Wehe, wenn sie losgelassen. Ich hatte das Gefühl, als würde das Internet vor Spannung vibrieren, und vernahm daraus ein zweifach Flehen: „Lass es einen Migranten gewesen sein.“ „Nein, bitte, nur das nicht.“ Das stand nirgends. Aber die Stimmen waren da. Oder bilde ich mir sie erst jetzt ein, da ich weiß, was folgte?

Aus Katastrophen soll man lernen. Doch das ist schwierig, wenn man schon immer wusste, dass es so kommen musste. Wer vorausgesehen zu haben glaubt, dass und auf wessen Geheiß ein kranker Rassist losgehen und neun ihm Unbekannte erschießen wird, für den grenzt ein Innehalten an Selbstverleugnung.

Flächendeckende Verbalverhaftungen

Klar. Ich bin ja auch der Meinung, dass die AfD eine klimatisch alles andere als günstige Rolle spielt. Dennoch gefallen mir jene Weicheier, die deshalb nicht gleich alle Feinheiten fahren lassen, streubombenartig Mitschuld verteilen und flächendeckend Verbalverhaftungen vornehmen. Wegen der politischen Kollateralschäden und weil so etwas aussieht, als gehöre es zu einer Verwertungskette. Diese Mechanik springt schneller an als Rettungswagen. Wenn sich Geld schon nicht mehr bei der Bank mehren lässt, so doch stets das argumentative Klimperkapital auf Twitter.

Vor einem halben Jahr rammte ein dicker Porsche vier Fußgänger vom Berliner Bürgersteig. Propaganda-Ersthelfer verkauften das binnen Sekunden als Beweis: Alle SUVs sind Mörder. Davon trat selbst dann niemand vernehmbar zurück, als sich ergab, dass der Stadtpanzerkommandant einen Krampf im Gasfuß erlitten hatte. Kann das mit den Grünheider Weltrettungsvehikeln auch passieren?

Es geht um Diskurshygiene

Im Netz ging kurz nach Hanau die Post ab wie gleich hinterm Breitscheidplatz, bloß tendenziell andersherum. Zuweilen wirkte es, als sei auf eine Gelegenheit dieses Kalibers auch nur gewartet worden. Es gab auch Stimmen, die versuchten, die Gier auf schnelle Geländegewinne, jeden Anflug von Triumph und Tugendstolz zu bändigen, durch extra Präzision und Affektkontrolle.

Schärfe schließt Sorgfalt und Sachlichkeit nicht aus. Es geht um Diskurshygiene. Nicht um Mitgefühl mit den Typen, die jetzt aus Gründen in der Defensive sind, die sich unreflektiert in scheinheiligen Wir-sind-doch-auch-Opfer-Posen winden und mit grotesken Gegenvorwürfen die Reste ihrer Stellung verteidigen. Wer zu den Guten gehören will, hält sich, um Verwechslungen vorzubeugen, am besten an Frau Obama: When they go low, we go high.

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Intellektuelle Massenselbstentleibung

Manch antifaschistischer Furor macht auf Beobachter leider nicht diesen Eindruck. Was soll denn das Coronavirus denken? Menschen mögen es, recht zu haben. Wer sich vom Leben bestätigt fühlt, behält das ungern für sich. Es hätte Charme, wenn zumindest alle, die von Berufs wegen den Überblick zu bewahren haben, genau in dem Moment, da sie ihrer Wahrheit am sichersten sind, einen Schritt von der Front zurückträten und sich vom Hauch eines Zweifels ernüchtern ließen.

Emotional erfüllender ist, zugegeben, sich mit Schmackes in eine intellektuelle Massenselbstentleibung zu werfen. Donnerstagmittag fuhr ich den Rechner runter und ging nach draußen. Die Leute da gingen sich nicht an die Gurgeln. Merkwürdig.