Indische Hindu feiern ein Gerichtsurteil zum Bau eines Tempels.
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Neu DelhiJai Shri Ram“ (Es lebe Gott Ram), erklang es am Sonnabend im Gerichtssaal in Neu Delhi. Die Obersten Richter des Landes hatten in einem der brisantesten Streitfälle Indiens grünes Licht für den Bau eines Ram-Tempels gegeben und Indiens hindunationalistischem Regierungschef Narendra Modi einen phänomenalen Triumph beschert. Die Richter entschieden über den rechtmäßigen Besitz eines Grundstücks in der nordindischen Stadt Ayodhya, das nur etwa so groß wie eineinhalb Fußballfelder ist. Den Muslimen wurde ein anderes Stück Land in Ayodhya zugeteilt, wo sie eine neue Moschee bauen dürfen. Ihr Bauland ist etwa doppelt so groß wie das umstrittene Areal.

Der Konflikt um das Grundstück entzweit Indiens Hindus und Muslime seit Jahrzehnten. Modis Partei, die Bharatiya Janata Party (BJP), war mit dem Wahlversprechen angetreten, einen Ram-Tempel in Ayodhya zu bauen. Bis Dezember 1992 stand an dem umstrittenen Platz in Ayodhya die Babri-Moschee aus dem 16. Jahrhundert. Sie wurde im Dezember von radikalen Hindus demoliert, die dort einen Tempel für dem Hindu-Gott Ram bauen wollten, der an dieser Stelle geboren sein soll.

Die Zerstörung der Moschee führte zu den schwersten religiösen Unruhen in Indien seit der Unabhängigkeit 1947. Bei den tagelangen blutigen Verfolgungen von Hindus und Muslimen starben über 2 000 Menschen. Das Grundstück, auf dem die zerstörte Moschee stand, ist seit einem Vierteljahrhundert abgesperrt und streng bewacht. Nun wird erwartet, dass Premierminister Modi in den kommenden Wochen dort den Grundstein für den Ram-Tempel legt, der seit den 80er-Jahren von den Hindunationalisten zur politischen Schicksalsfrage des Landes gemacht wurde.

Ein weiterer Schritt in Richtung Hindu-Staat

Das Oberste Gericht stützte sich bei seiner Urteilsfindung auf archäologische Funde und historische Berichte aus Ayodhya. Die nun zerstörte Babri-Moschee sei auf einem alten Fundament errichtet worden, das nicht islamisch sei, befanden die Richter. Die gilt allerdings, wie Kritiker einwenden, für zahlreiche andere Plätze in Indien. In der heiligen Stadt Varansi etwa teilen sich die Gyanvapi-Moschee und der Kashi Vishwanath-Tempel eine gemeinsame Mauer. Radikale Hindus haben jüngst begonnen, kleine Statuen von Hindu-Göttern an der Moschee-Mauer einzugraben, um zu beweisen, dass die Moschee auf altem Tempel-Grund errichtet wurde und das Land eigentlich Hindus gehört. Ähnlichen Streit gibt es auch um andere Moscheen.

Etwa 80 Prozent der 1,3 Milliarden Einwohner des südasiatischen Landes sind Hindus. Die zweitgrößte Religionsgruppe sind die Muslime mit etwa 170 Millionen. Sie stellen um die 14 Prozent der Bevölkerung. Unter der hindunationalistischen Bharatiya Janata Partei, die seit 2014 Indien regiert, hat sich das einst religiös tolerante Indien gewandelt. Der Bau des Ram-Tempels in Ayodhya ist ein weiterer Schritt auf dem Weg in einen Hindu-Staat. Im August hatte die Regierung die vollständige Integration des mehrheitlich muslimischen Kaschmirs in den indischen Staat beschlossen und den Sonderstatus der Himalaya-Region abgeschafft.