Das Wort Patriarchat klingt altmodisch, fast nach Feudalismus. Väterherrschaft heißt es auf Deutsch und beschreibt ein System, in dem Reichtum und Macht in den Händen von Männern liegen. Im vergangenen Jahr erlebte das fast vergessene Wort ein Revival, auf T-Shirts, auf Büchern, auf Plakaten. „Die letzten Tage des Patriarchats“ lautete der Titel eines Bestsellers der Feministin Margarete Stokowski. „Wir erleben den Zerfall einer sehr alten Gesellschaftsstruktur“, sagte sie dem Magazin Ze.tt.

Es mag etwas bröckeln, aber bis zur weiblichen Zukunft könnten noch ein paar Jährchen vergehen. 13,5 Prozent der Dax-Vorstände sind weiblich, aber 99 Prozent der Sprechstundenhilfen. Frauen bekommen im Schnitt 21 Prozent weniger Gehalt. Nur jede dritte Abgeordnete im Bundestag ist eine Frau – ein historischer Tiefstand.

Abgerutscht in Sachen Gleichstellung

In seinem jährlichen Report, der den Stand der Gleichstellung in Politik und Wirtschaft sowie den Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung misst, mahnte das Weltwirtschaftsforum, dass Deutschland nicht vorankäme. Im jährlichen Ranking rutschte die Bundesrepublik sogar um zwei Positionen ab, auf Platz 14, hinter Nicaragua und Ruanda. Wenn es in dem Tempo weitergeht, dauert es noch 202 Jahre, bis Parität erreicht ist.

Die letzten Tage des Patriarchats ziehen sich hin. Und wie lange dauert es noch, bis sich die Feststellung durchgesetzt hat, dass die Ungleichheit nicht nur ein Problem der Frauen ist, sondern eines, das Männer und Frauen angeht?

In den USA, wo ein Mann regiert, der sich damit brüstet, dass er jeder Frau zwischen die Beine fassen kann, hat die MeToo-Debatte zwar viele Frauen angesprochen und auf die Straße gebracht – sie kam aber auch schnell an ihre Grenzen. Die Missbrauchsvorwürfe gegen Brett Kavanaugh verpufften, er wurde trotzdem in den Supreme Court gewählt. Christine Blasey Ford, die bei einer Anhörung alle Kraft aufbrachte, ihre Vorwürfe gegen Kavanaugh persönlich vorzutragen, bekam Morddrohungen und musste sich verstecken.

Diskussion kratzt nur an der Oberfläche

Ein anderer Fall: Der New Yorker Komiker Louis CK kehrte auf die Bühne zurück, dreihundert Tage nachdem herauskam, dass er vor Kolleginnen gegen ihren Willen masturbiert hatte.

Auch im Merkel-Land kratzte die Diskussion nur an der Oberfläche. Konkrete Vorwürfe wurden nur gegen eine Handvoll Männer geäußert, darunter der Fernsehregisseur Dieter Wedel. Im Januar 2018 veröffentlichte die Zeit Missbrauchsvorwürfe gegen ihn.

Auf Partys oder im Büro drehten sich die Gespräche eher darum, ob man nun nicht mehr flirten oder Frauen keine Komplimente mehr machen dürfe. Männer verfassten Texte über den barbarischen Feminismus, stellten sich und ihre Privilegien aber nicht infrage.

Frauen und die Kinderfrage

Deutschland 2018: Bei einem Empfang stellte sich die neue Chefin eines großen Buchverlags ihren Mitarbeitern vor. Ihre Ernennung war gefeiert worden, es gibt nicht so viele Frauen an der Spitze von Buchverlagen. Die neue Verlagschefin hielt eine Rede, anschließend mischte sie sich unter die Mitarbeiter. Ein Mann, ein einfacher Angestellter, sprach sie an – das berichtete hinterher eine, die dabei gestanden hatte – und stellte der neuen Chefin ohne Umschweife eine Frage: „Haben Sie eigentlich Kinder?“

Es interessierte ihn nicht, ob so eine Frage zu privat, ob sie angemessen war. Frauen werden ja dauernd nach Kindern gefragt, vorhandenen, zukünftigen. „Nein“, sagte die neue Chefin. Der Mann legte nach: „Na, wenn Sie Kinder hätten, hätten Sie den Job wahrscheinlich nicht angenommen.“ Die Chefin entgegnete: „Wenn ich Kinder hätte, hätte man mir den Job wahrscheinlich nicht angeboten.“

„Das Schweigekartell wurde gebrochen“

Nach Anekdoten wie diesen fragt man sich: Hat MeToo nichts gebracht? Doch, widerspricht die Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner. „Die Debatte war wichtig“, sagt sie im Café in Berlin-Mitte. Vieles sei ans Licht gekommen, was zuvor aus Angst und Scham verschwiegen wurde.

Sie verweist auf die Vorgänge in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, wo dem Vize-Direktor Helmuth Frauendorfer vorgeworfen wurde, Kolleginnen belästigt zu haben. Der Direktor, Hubertus Knabe, schaute weg. Nachdem ihre Beschwerden intern jahrelang ignoriert wurden, wandte sich eine Gruppe von Mitarbeiterinnen in diesem Jahr an die Politik. Berlin hatte seinen ersten prominenten MeToo-Fall, Knabe flog raus. „Das Schweigekartell wurde gebrochen“, sagt Gröschner.

Die westdeutsche Frauenbewegung begann nicht erst mit Alice Schwarzer 

Sie hat ein Buch über fünfzig Jahre Berliner Frauenbewegung geschrieben. „Berolinas zornige Töchter“ heißt es. Herausgegeben wird es vom feministischen Archiv FFBIZ. Es ist ein Buch, das über Berlin hinaus interessant ist, weil es zum ersten Mal die Chronik der Frauenbewegung in Ost und West parallel beschreibt, mit O-Tönen und Originaldokumenten.

Gröschner zeigt, dass die westdeutsche Frauenbewegung nicht mit Alice Schwarzer begann, sondern in einer Wohnküche in Charlottenburg, in der zwei Studentinnen beschlossen, eine gemeinsame Kinderbetreuung zu organisieren, um mehr Zeit für sich zu haben. Bald wurden die ersten Kinderläden gegründet.

Über Feminismus streite ist ein Erfolg

Während in Debatten heute ein Gegensatz zwischen Minderheitenschutz und Sozialpolitik konstruiert wird, wird bei Gröschner klar, dass alles schon immer zusammengehörte: der Kampf für gleiche Rechte, gute Bezahlung, Kinderbetreuung, gegen Diskriminierung und Gewalt.

Annett Gröschner, 54 Jahre alt, Verfasserin erfolgreicher Romane wie „Moskauer Eis“, war dabei, als am 3. Dezember 1989 in der Volksbühne der Unabhängige Frauenverband der DDR gegründet wurde. Ein Ereignis, das fast vergessen ist, das aber für den Beginn einer eigenen ostdeutschen Frauenbewegung steht.

Gröschner sagt, es sei ein Erfolg, dass heute überhaupt wieder über Feminismus gestritten wird. Es habe auch Zeiten gegeben, in denen nur Genderprofessorinnen und Gleichstellungsbeauftragte in der Öffentlichkeit über Feminismus redeten.

Abtreibung ist heute wieder zum Tabu gworden

Wenn man auf die Entwicklung in den vergangenen fünfzig Jahren schaut, ergibt sich ein widersprüchliches Bild: Frauen haben große Rechte erstritten, aber vieles ist gleich geblieben, und manches hat sich sogar verschlechtert, wie man an der Debatte um den Schwangerschaftsabbruch sehen kann.

In der DDR war Abtreibung in den ersten zwölf Wochen legal – heute ist sie wieder zu einem Tabu geworden. Im Deutschlandfunk war neulich zu hören, dass es in der Universitätsstadt Münster nur noch einen Arzt gibt, der in seiner Praxis Abtreibungen vornimmt. Einen einzigen Arzt! Er ist 81 Jahre alt. Jüngere bieten oft keine Abtreibungen mehr an, weil sie Angst haben.

Wenn man sich die alten Flugblätter anschaut, die Annett Gröschner und ihre Mitstreiterinnen vor 30 Jahren verfassten, liest sich vieles aktuell. Es geht um eine bessere Bezahlung von Frauenberufen, bessere Qualität der Kinderbetreuung, mehr Flexibilität. Es geht darum, wie man Beruf und Familie vereinbart, und zwar für alle und nicht nur für die, die sich eine Nanny leisten können.

„Wieder zu viel gegessen“

„Ja, der Fortschritt ist eine Schildkröte, und die Hälfte des Jahres schläft sie unterm Bett“, schreibt Gröschner in ihrem Buch. Sie ärgert sich darüber, dass jüngere Feministinnen sich wenig mit der Geschichte der Frauenbewegung befassen – und in die Gefahr geraten, Fehler zu wiederholen. „Ich finde es mühsam, dass jede Generation wieder von vorn anfängt.“

Vielleicht ist es gar nicht so einfach, von den Fehlern der Mütter zu lernen, wenn die Mütter sich weigern, von ihren Kämpfen und Enttäuschungen zu reden. Gröschners Kollegin Anke Stelling greift das Problem in ihrem Roman „Schäfchen im Trocknen“ auf. Ihre Heldin Resi beschreibt, wie sie einst davon träumte, ein anderes, ein freieres Leben zu führen – und wie sie dann doch im „Gefängnis Ehe“ und im „Elend der Elternschaft“ landete.

Sie denkt an ihre Mutter, von deren Leben sie kaum etwas weiß, nur ein paar Anekdoten. Sie hat nach ihrem Tod ein Tagebuch vermacht bekommen, in das die Mutter nur einen Satz geschrieben hatte: „Wieder zu viel gegessen.“

Wie wäre es mit einem Frauenstreiktag?

Annett Gröschner ist viel unterwegs, sie stellt ihr Buch in Frauenzentren vor. Neulich war sie in Berlin-Marzahn, da kamen vor allem ältere Ostfrauen. Es sei hoch hergegangen, unter anderem diskutierten die Frauen über den Paragrafen 219a, fehlende Kitaplätze, Lohngefälle, Altersarmut, Scheidungsrecht. „Warum geht ihr eigentlich nicht auf die Straße?“, rief eine betagte Dame den jüngeren Frauen zu.

Ja, warum eigentlich nicht? „Ein Frauenstreiktag wäre nicht schlecht“, sagt Annett Gröschner. 1975 gab es übrigens einen „Frauen-Ruhetag“ in Island. 90 Prozent der berufstätigen Frauen gingen auf die Straße, um für gleiche Rechte zu demonstrieren, Schulen, Banken, Fabriken mussten geschlossen werden. Heute ist Island bei der Gleichberechtigung weltweit Nummer eins.