Berlin - Bei den Grünen sind manche gerade ziemlich verärgert. Der Journalist Christian Füller, der lange bei der „tageszeitung“ war und gern mal zuspitzt, stellt die Partei oder zumindest deren Bundestagsfraktion nämlich unter Rassismus-Verdacht, weil sie Cem Özdemir nicht zu ihrem Fraktionsvorsitzenden gewählt habe.

Migranten, so heißt es in seinem im „Migazin“ publizierten Text, würden bei den Grünen nur geduldet, wenn sie keine Ansprüche stellten. Der Text hat die Dachzeile: „Rassismus in Grün“.
Bei den Grünen sind sie nicht amüsiert. Von „Mumpitz“ ist da die Rede oder von „Blödsinn“. Die innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, verweist darauf, dass der 53-Jährige immerhin zehn Jahre Parteichef und 2017 Spitzenkandidat gewesen sei - von den Mitgliedern dazu auserkoren.

Tatsächlich ist die Rassismus-These sehr anfechtbar – was wiederum nicht heißt, dass sie nicht Spurenelemente von Wahrheit enthalten könnte.Füller selbst bleibt Belege weitgehend schuldig. Er schreibt, Özdemir sei „der eloquenteste Generalist der Fraktion, ihr geborener Chef“. Dennoch sei er von der Fraktion „gedemütigt“ worden, weil die mit 39 zu 27 Stimmen für Anton Hofreiter votiert habe. Dann fährt Füller fort, dass Özdemir „im Kern ein charakterliches Defizit zugeschrieben“ worden sei, dass es angeblich unmöglich mache, ihn zu wählen. „Dieses Defizit umweht der Hautgout des unberechenbaren Wilden von jenseits des Bosporus.“ Es habe geheißen, Özdemir „neige zu Alleingängen und sei als Parteichef schlecht mit seiner Co-Vorsitzenden Simone Peter umgesprungen“.

Ferner zitiert Füller einen anderen Grünen mit Migrationshintergrund und zitiert ihn wie folgt: „Als Migrant kommst du dir bei den Grünen wie in einem Sandkasten vor. Du darfst bei den Weißen nicht mitspielen, du bekommst ihr Spielzeug einfach nicht. Du bist zwar in der Partei, aber du kommst nicht in ihre Kreise rein. Das erlebst du einmal, zweimal, dreimal – und dann spielst du halt alleine. Und gründest deine eigene Spielgruppe.“ Özdemir, so die Schlussfolgerung, sei „kein Einzelgänger“, sondern „dazu gemacht“ worden. Füller jedenfalls glaubt, dass Menschen mit ausländischen Wurzeln bei den Grünen gern mitmachen könnten, wenn sie nicht besser seien als die Nicht-Migranten.

Nun gibt es bei den Grünen durchaus Leute, die von Spannungen Özdemirs mit der Partei, der er tatsächlich zehn Jahre vorsaß, oder führenden Vertretern berichten können. Auch obsiegte Özdemir bei der Urwahl der Spitzenkandidaten 2017 – wenngleich knapp – gegen Robert Habeck. Dabei harmonierte er mit Katrin Göring-Eckardt übrigens weitaus besser als mit Simone Peter.

Füller selbst nennt als Beispiele für erfolgreiche Grüne mit Migrationshintergrund Tarek Al-Wazir, Hessens Vize-Ministerpräsidenten, oder Muhterem Aras, Landtagspräsidentin in Stuttgart. Nicht erwähnt er all jene aus der Bundestagsfraktion: Danyal Bayaz, Canan Bayram, Agnieszka Brugger (die für den Fraktionsvorsitz gehandelt wurde), Ekin Deligöz, Irene Mihalic (die auch für den Fraktionsvorsitz gehandelt wurde), Omid Nouripour und Filiz Polat.

Der anatolische Schwabe aus Bad Urach

Andererseits wäre auch die Mutmaßung falsch, dass Özdemirs Migrationshintergrund gar keine Rolle mehr spielen würde. So werden am Rande zuweilen seine türkischen Wurzeln als Erklärung dafür heran gezogen, dass es mit Simone Peter nicht funktioniert habe. Überdies wird Özdemir häufiger als Nachfolger des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ins Gespräch gebracht. Als offen gilt aber, ob der sprichwörtliche „anatolische Schwabe“ aus Bad Urach im Ländle ebenso erfolgreich sein könnte wie ein Grüner ohne Migrationshintergrund.
Dass die Vorbehalte gegen den Spitzen-Grünen in der Bevölkerung trotz enormer Popularität nicht ganz verschwunden sind, zeigt die Aussage eines ostdeutschen Linken-Politikers, der mal den Satz formulierte: „Wenn Özdemir zu uns käme, dann hätte er die Hälfte der Leute gegen sich.“ Gemeint war offenbar: wegen seiner Herkunft gegen sich.

Özdemir selbst bringt diese Herkunft ins Spiel, wenn er schildert, dass es eben nicht selbstverständlich war und ist, dass einer wie er es ganz nach oben schaffte. Ein Fraktionsmitglied mit Migrationshintergrund sagt, ihn stimme Füllers Text „nachdenklich“; zumindest seien dessen Thesen „nicht völlig aus der Luft gegriffen“.

Freilich kommt der besagte Christian Füller ohne eine auf die Herkunft zielende Charakterisierung, die man auch als Abwertung verstehen könnte, ebenfalls nicht aus. So nennt er Anton Hofreiter einen „exzellenten Öko-Fachmann, den allerdings – freundlich gesagt – nördlich des Mains nicht jeder Bürger versteht“. Hofreiter ist Bayer. (RND)