Paris - Sie kommt, weil sie muss. Es ist eine innere Verpflichtung. Sophie spürt, dass sie sich dieser Herausforderung zu stellen hat. Dass sie dort anknüpfen muss, wo alles aufgehört hat. Wo es vorbei war mit Leichtigkeit und Lebensfreude. Sophies Psychotherapeut hat sie in diesem Entschluss bestärkt. Und so kehrt die 32-Jährige an diesem Dienstagabend zu den Eagles of Death Metal zurück, der kalifornischen Rockband, die am 13. November vergangenen Jahres im Musikclub Bataclan aufgetreten war und die nun im Rahmen einer Europatournee „das damals abgebrochene Konzert in der Pariser Konzerthalle Olympia fortsetzen wird, auf dass der Rock ’n’ Roll durch die Welt hallt“.

Geschoss im Beckenknochen

Jesse Hughes hat das so gesagt, der Frontmann der Band. Mitten im Song „Kiss The Devil“ hatten der Sänger, die beiden Gitarristen und der Schlagzeuger innegehalten, waren hinter die Bühne gesprungen, hatten Deckung gesucht. Fast im selben Augenblick eröffneten die Terroristen Foued Mohamed-Aggad, Ismael Omar Mostefai und Samy Amimour das Feuer. Von den 1 500 Besuchern, die sich an jenem Abend im Bataclan drängten, kamen 90 ums Leben. Sie starben im Kugelhagel der Kalaschnikows oder wurden von den Attentätern, die ihren Sprengstoffgürtel zündeten, mit in den Tod gerissen.

Eines der Geschosse steckt in Sophies Beckenknochen. Die Ärzte hoffen, dass der Körper es irgendwann abstößt. Wenn nicht, muss sie noch einmal operiert werden. Und dann sind bei Sophie seelische Wunden zurückgeblieben. In den drei Monaten, die seit dem Überfall vergangen sind, haben sie sich ein wenig geschlossen. Verheilt sind sie nicht. Und so steigt nun eben beides in ihr auf: Die Hoffnung, gemeinsam mit den Eagles of Death Metal an die Zeit davor anknüpfen, das Abgebrochene zu einem akzeptablen Ende bringen zu können. Und die Angst, die alten Wunden könnten aufbrechen.

Für die Fortsetzung des Konzerts muss Sophie nichts bezahlen. Überlebende des Massakers und Angehörige der Opfer haben freien Eintritt. Gegen Vorlage des Bataclan-Tickets gab es eine Gratiskarte fürs Olympia. Das restliche Kartenkontingent ging am 20. Januar in den Online-Verkauf. In wenigen Minuten war das für den ersten Verkaufstag bereitgestellte Kontingent auch schon vergriffen. Dabei hatte der Absatz der seit den Pariser Anschlägen weltbekannten Band nach Angaben ihrer Produktionsfirma nicht sonderlich zugelegt. Aber bei der Rückkehr nach Paris geht es eben um viel mehr als Musik.

Wobei Frontmann Hughes durchaus umstritten ist. Der Musiker, der 1998 mit Josh Homme von den Queens of the Stone Age die Gruppe gründete, hat sich als Waffennarr geoutet oder auch als Fan seines Landsmanns Donald Trump, des Fremdenfeindlichkeit predigenden Bewerbers um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner. Aber die Musik der auch als EODM firmierenden Band kommt gefällig daher. Das „Metal“ im Namen führt in die Irre. Die Gruppe steht auf eingängige Melodien, aus denen spricht, was nicht nur Sophie seit dem 13. November vermisst: Leichtigkeit, Lebensfreude.

Musikclub wird renoviert

Und nicht nur Sophie wird am Dienstagabend ihren ganzen Mut zusammennehmen müssen. Ein Leidensgefährte bekundet seine Sorge, die Band könne dort anfangen, wo sie im Bataclan aufgehört habe, das Konzert mit „Kiss The Devil“ eröffnen, dem Song, der damals vom Rattern der Kalaschnikows abgelöst wurde. Das würde er womöglich nicht ertragen, sagt er. Und auch die Band sieht ihrem Pariser Auftritt mit gemischten Gefühlen entgegen. „Für uns geht es darum, wieder zu werden, was wir waren, eine ganz gewöhnliche Rockgruppe“, sagt Hughes.

Die größte Herausforderung steht indes noch aus. Die Besitzer des Bataclan haben beschlossen, den Musikclub zu renovieren. Ende des Jahres soll Eröffnung sein. Die Eagles of Death Metal, die bei einem Pariser U2-Konzert Anfang Dezember kurz auf die Bühne gekommen waren und tags darauf vor dem mit einer Plastikplane verhängten Eingang des Bataclan der Opfer gedacht hatten, haben angekündigt, dass sie auch den nächsten Schritt tun und in den Bataclan zurückkehren wollen.