Dresden - Am 22. Dezember hat Johannes Staemmler seinen Facebook-Account geöffnet und etwas gepostet. „Liebe Dresdner“, schrieb der Mitbegründer der „Dritten Generation Ost“, „vor 32 Jahren bin ich in Dresden geboren und habe dort bis vor acht Jahren gelebt. Es ist eine wunderbare Stadt, die Lebensqualität und ihr Ruf ist exzellent. Ich bin zwischen friedlicher Revolution und den Turbulenzen danach groß geworden und staune, mit wie viel Kraft viele wieder neu angefangen haben. Doch nun demonstrieren seit Wochen viele Anhänger der #Pegida. Dresden nimmt dabei großen Schaden!“

„Hört auf!“

Staemmler, zur Wendezeit sieben Jahre alt, erzählt, dass er zuletzt viel gereist sei und in Berlin-Neukölln lebe – jenem Neukölln, das die Pegidisten als Schreckensgemälde stets aufs Neue an die Wand malen. Nachdem er die „wirkliche Vielfalt“ dort gelobt hat, appelliert er: „Liebe Dresdner, keiner wird Weihnachten abschaffen oder die Scharia einführen! Hört auf, Euch ins Abseits zu begeben!“ Der Appell wurde bei Facebook 108 Mal geteilt.

Während die älteren Ostdeutschen vielfach Probleme mit Fremden haben und Vertreter der mittleren Generation aus dem rechtsextremen Spektrum diese Probleme ausnutzen, gibt es auf der anderen Seite jene Ostdeutsche, die das Thema in gegenteiliger Weise umtreibt. Da gibt es Schock, Empörung, manchmal Scham über Pegida – oder Tröglitz.

Dies drückt sich nicht zuletzt publizistisch aus. Denn anders als noch in den 1990er Jahren sind es keine Westdeutschen mehr, die über den Osten wie über ein fernes Land berichten. Jetzt tun es Martin Machowecz, 1988 in Meißen geboren, für die Wochenzeitung Die Zeit, Cornelius Pollmer, 1985 in Dresden zur Welt gekommen, für die Süddeutsche Zeitung oder Stefan Locke, Jahrgang 1974 aus Bautzen, für die Frankfurter Allgemeine.

Sie tun es mit Empathie und Kritik. Aufsehen erregte Machowecz, der unter der Überschrift „Pegida und ich“ notierte: „Ich bin 27 Jahre alt, Ostdeutscher, und Pegida hat meinen Blick auf den Osten, meine Haltung zum Osten verändert. Vor Pegida habe ich den Osten verklärt. Ein schöner Selbstbetrug.“ Kurzum: Da ist ein Unbehagen, das so vorher nicht da war – oder nicht so artikuliert wurde.

"Konzentration frustrierter Verlierer"

Nicht dass diese Ostdeutschen, die einen wesentlichen Teil ihres Leben im vereinigten Deutschland verbracht haben, das Problem mit der Fremdenfeindlichkeit nur im Osten sähen. Christoph Gengnagel, Professor an der Berliner Universität der Künste (UdK), sagt: „Ich glaube nicht, dass sich das Ganze auf die neuen Länder begrenzen lässt. Hier ist einfach die Konzentration der frustrierten Verlierer größer als in Westdeutschland.“ Und, fügt er hinzu: „Die Gewinner sind halt meist auch gegangen.“

Gengnagel wurde 1965 in Jena geboren, hat in Weimar und München studiert und gearbeitet, bevor er zur UdK kam. Obwohl der Thüringer also von einseitiger Kritik nichts hält, sagt er, nach der Wende habe man „mit Erschrecken erleben müssen, wie tief sich die ostdeutsche Variante des geistigen Kleinbürgertums in der Gesellschaft breit gemacht hatte. Die schlimme Erkenntnis aus Pegida ist, dass sich an allem wenig geändert hat.“

Eine ebenfalls wachsende Ungeduld atmet die E-Mail von Arne Lietz, dessen Vater Heiko Lietz in der DDR Bürgerrechtler war und der für die SPD Sachsen-Anhalt im Europaparlament sitzt. Lietz, 1976 in Güstrow geboren, schreibt, anders als vor 25 Jahren sei Ostdeutschland heute strukturell gefestigt. Viele Ostdeutsche hätten auf Reisen die Welt gesehen. Dennoch gebe es weiterhin diese Unsicherheit gegenüber Migranten. „Das verärgert mich als junger Ostdeutscher, stimmt mich traurig und macht mich nachdenklich.“ Lietz nahm Ende Februar sogar an einer Anti-Pegida-Demonstration im britischen Newcastle teil.

Die Nachdenklichkeit zeigt sich auch im Kleinen. So schrieb die Autorin Jana Hensel in einem Tweet vom Januar: „35.000 Leipziger haben heute gegen rund 3000 Legida-Leute demonstriert. Soooo stolz auf meine Stadt!“ Darin schwingt Erleichterung mit, dass Dresden nicht überall ist, auch im Osten nicht.

Endlich mal streiten

Die Botschaft der liberalen jungen Ostdeutschen ist indes häufig, dass der Osten ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall weiter sein müsste, es aber nicht ist. Womöglich würde sich unter diesen Umständen nun eine ostdeutsche 68er-Bewegung entwickeln. Doch das geschieht wohl auch deshalb nicht, weil die Ost-West-Unterschiede in Sachen Weltoffenheit graduell, aber nicht grundsätzlich sind – und weil die Weltoffenen gehen können. So kriegt der Konflikt keine Wucht.

Das Ende der Geduld ist gleichwohl erreicht. Während Johannes Staemmler seine Dresdner mahnt, zur Vernunft zu kommen, schreibt Zeit-Autor Martin Machowecz: „Als Journalist und Ossi sage ich: Ich will dieses Ostdeutschland weiterhin herzlich lieben, aber es soll keine verklärende Beziehung mehr sein zwischen uns. Eher eine, in der man sich so laut anschreit, dass die Nachbarn klingeln. Nur, um mal zu fragen, ob noch alles in Ordnung ist.“