Paris - Unter größter Anspannung ist in Frankreich am Sonntag die entscheidende zweite Runde der Regionalwahlen abgehalten worden. Nachdem der rechtsextreme Front National (FN) bei der ersten Wahlrunde vor einer Woche stärkste Kraft geworden war, richteten sich nun die Augen darauf, ob die Partei erstmals in ihrer Geschichte eine Region erobern kann. Die Wahlbeteiligung lag gegen Mittag bereits höher als vor einer Woche. Nach Angaben des französischen Innenministeriums gaben bis Sonntagmittag 19,59 Prozent der Wähler ihre Stimme ab. Das waren mehr als drei Prozentpunkte mehr als bei der Wahl am vergangenen Sonntag und rund ein Punkt mehr als bei den Wahlen 2010.

Der „Schock“ der vergangenen Woche, als die FN von Marine Le Pen mit landesweit 28 Prozent stärkste Kraft geworden und in sechs der 13 Regionen vorne gelandet war, dürfte seinen Teil zu der Wahlbeteiligung beigetragen haben. Es wird nun zwar damit gerechnet, dass in der zweiten Runde in den meisten Regionen Kandidaten des konservativ-bürgerlichen Lagers um den früheren Staatschef Nicolas Sarkozy oder der Sozialisten von Präsident François Hollande das Rennen machen.

Erste Hochrechnungen um 20 Uhr

Der Analyst Jean-Daniel Levy vom Institut Harris Interactive sagte indes, es sei „fast sicher“, dass die FN mindestens eine Region gewinnen werde. Erste Hochrechnungen werden für 20.00 Uhr erwartet. Die Regionalwahlen sind die letzte große Abstimmung vor den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2017 und gelten deswegen als wichtiges Stimmungsbarometer. Viele Franzosen machen Hollande und seine Sozialisten für die Rekordarbeitslosigkeit und die Wirtschaftskrise verantwortlich.

Wegen der Anschläge vom November fanden die Wahlen unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Le Pen tritt in der nordfranzösischen Region Nord-Pas-de-Calais-Picardie als Spitzenkandidatin ihrer Partei an. Sie gab dort am Sonntag in Hénin-Beaumont ihre Stimme ab. In der ersten Runde hatte sie 41 Prozent erzielt und war damit weit vor ihren Konkurrenten auf dem ersten Platz gelandet. Allerdings zogen die Sozialisten ihre Liste für den zweiten Wahlgang zurück, um einen Le-Pen-Sieg zu verhindern, und riefen ihre Wähler auf, den konservativen Kandidaten Xavier Bertrand zu wählen.

Ähnliches spielte sich in der südfranzösischen Region Provence-Alpes-Côte d'Azur ab, wo Le Pens 26-jährige Nichte Marion Maréchal-Le Pen ebenfalls mit knapp 41 Prozent weit vorne landete. Weil sich die Sozialisten auch hier zurückzogen, könnte der konservative Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, Maréchal-Le Pen Umfragen zufolge knapp schlagen.

Sozialisten in fünf, konservativ-bürgerliches Lager in bis zu sieben Regionen vorn

Hollande gab seine Stimme in Tulle im südlichen Zentrum des Landes ab. Er lächelte, als ihn jemand zum Klimaschutzabkommen von Paris beglückwünschte. Premierminister Manuel Valls votierte in Evry nahe Paris und Sarkozy in der französischen Hauptstadt. Chancen hat die FN nun etwa in der ostfranzösischen Grenzregion Elsass-Champagne-Ardenne-Lothringen, in der der FN-Vize Florian Philippot als Spitzenkandidat antritt. Ein FN-Sieg ist auch in der Region Burgund-Franche-Comté möglich.

Das konservativ-bürgerliche Lager könnte Meinungsforschern zufolge zwischen fünf und sieben Regionen gewinnen. Die Sozialisten könnten demnach bis zu fünf Regionen für sich entscheiden. „Im Interesse meiner Familie stimme ich gegen die FN“, sagte etwa Issa Kouyate, der senegalesischer Abstammung ist, bei seiner Stimmabgabe in Marseille. Das Ergebnis von knapp 41 Prozent für die FN in der ersten Wahlrunde in seiner Region Provence-Alpes-Côte d'Azur bezeichnete er als „Zeitbombe“.

Doch taktisches Wählen war nicht jedermanns Sache: „Ich wähle immer die Sozialisten“, sagte der 56-jährige Didier bei der Wahl in Lille. Da sich dort die Sozialisten zurückgezogen haben, werde er einen leeren Zettel abgeben. Die 60-jährige Fabienne allerdings gab in Marseille ihre Stimme, um „eine Lektion zu erteilen“, wie sie sagte. Sie habe „für die Blonde gestimmt“, also für die junge Le Pen. (afp)