Fahrradfahrer und SUV-Fahrer im Berliner Stadtverkehr - ein nicht immer ungefährliches Nebeneinander.
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Ein Auto der gehobenen SUV-Klasse bahnt sich seinen Weg über einen großen Haufen abgelegter Elektroroller. „Endlich machen Geländewagen in der Stadt einen Sinn“, titelt Mario Lars seinen Cartoon, und bringt so die Absonderlichkeiten trendiger Verkehrsteilnehmer und verfehlter Verkehrspolitik auf den Punkt.

Ich musste an dieses Bild von der letzten Cartoon-Ausstellung der Frankfurter Buchmesse denken, als mir in der vorigen Woche „Das große SUV-Special“ als Beilage eines Nachrichtenmagazins in die Hände fiel. Angesichts des Erfolgsrausches, wonach inzwischen mehr als 30 Prozent der Neuzulassungen für Fahrzeuge auf SUV und Geländewagen entfallen, ist es nicht verwunderlich, dass auch die den Markttrend begleitenden Medien daran partizipieren wollen. Natürlich kritisch, denn auf der letzten Seite darf der Sohn eines Motorjournalisten als Contra zum Plädoyer des Vaters immerhin schreiben, dass die Tage automobiler Dinosaurier gezählt seien. Aber dieses kleine Feigenblatt eines ökobewussten Journalismus kann die Blöße nicht verdecken, mit der das bullig robuste Statussymbol freudvoll vorgeführt wird.

Krude Argumentation der Autoindustrie

Man wolle vor allem bei Kaufentscheidungen helfen, argumentiert die Redaktion. Aber die Grenzen zwischen PR für die Autoindustrie und sachlicher Information über die Folgen eines ungehemmt wachsenden Verkehrs mit kaum noch erreichbaren Zielen der CO2-Reduktion sind deutlich zu Gunsten der SUV-Freunde verschoben.

Zwar hat der Unfall mit einem der großformatigen Automobile, der vier Menschen in der Berliner Invalidenstraße das Leben kostete, nachdenklich gemacht. Doch die Propagandisten der Autoindustrie kann das nicht erschüttern. Kleinwagen seien wegen ihrer Bauweise noch gefährlicher beim Umfahren von Fußgängern und ab einer gewissen Geschwindigkeit wäre es ohnehin egal. Und SUV-Fahrer hätten außerdem den Vorteil eines viel besseren Überblicks - dank gehobener Sitzposition.

Kaum beizukommen gegen „groß, sportlich, absatzstark“

Als Motiv für die Kaufentscheidung wird vor allem der Spaß am Fahrzeug genannt, das mit der Geländewagenoptik auch „einen Schuss Abenteuerflair“ mitbringt. Für die Reisenden der Oberklasse gelte vor allem, dass man „luxuriös ins Gelände“ fahren wolle. Der gehobene SUV-Standard sei trotz Diskussion über dessen Existenzberechtigung für viele Käufer die erste Wahl, wobei natürlich „eine gewisse Portion Selbstbewusstsein“ gefragt sei. Von der gelegentlichen Selbstüberschätzung dieser Kategorie Fahrzeuglenker können vor allem Radfahrer und Fußgänger ein Lied singen. Aber gegen das Argument „groß, sportlich, absatzstark“ ist mit leiser Vernunft und dem Wunsch nach einer gewissen Gleichberechtigung im täglichen Straßenkampf kaum beizukommen.

Kürzlich erzählte mir ein Kleinwagenfahrer, er sei mitten im Berliner Berufsverkehr von einem deutlich höher motorisierten PKW rechts überholt und dann mit einem Linksschwenk in den eigenen Sicherheitsabstand ausgebremst worden. Mit gleicher Brachialgewalt wechselte der Raser in die nächste Spur. Wegen der unfallträchtigen Situation wurde der Übeltäter, der einige Straßen weiter parkte, zur Rede gestellt. Ein verhängnisvoller Fehler. Der Verkehrsrowdy seinerseits zeigte ihn an wegen Unfallflucht, Körperverletzung, Beleidigung – es gab keine Zeugen. Ein Verkehrsanwalt konnte immerhin die Einstellung des Verfahrens erreichen, ohne dass die Falschanzeige geahndet wurde. Das Recht des Stärkeren eben.