Islamabad - Nach dem Schulmassaker der radikalislamischen Taliban in Peshawar müssen Hunderte Inhaftierte in Pakistan mit ihrer Hinrichtung rechnen. Die Regierung beschloss am Mittwoch, Todesurteile wieder zu vollstrecken, die seit 2008 ausgesetzt waren. Ministerpräsident Nawaz Sharif habe diese Entscheidung gebilligt, sagte ein Regierungssprecher. Erste Hinrichtungsbefehle würden innerhalb von ein bis zwei Tagen ergehen. Der Überfall der Taliban, bei dem fast 150 Menschen getötet wurden, hat in dem Land für Entsetzen gesorgt.

In ganz Pakistan entzündeten Menschen Kerzen, um mit Mahnwachen an die Opfer des Überfalls zu erinnern, unter denen mehr als 130 Kinder sind. In der Millionenstadt Peshawar fanden gemeinsame Trauerfeiern der Angehörigen statt. Zugleich wurde in der Öffentlichkeit Kritik laut, Armee und Regierung hätten die Taliban nicht entschlossen genug bekämpft. Die Vollstreckung von Todesurteilen soll dieser Kritik anscheinend entgegenwirken. Auch die Streitkräfte signalisierten Entschlossenheit. In den kommenden Tagen werde es Vergeltungsmaßnahmen geben.

Tausende Todeskandidaten

In pakistanischen Gefängnissen sitzen schätzungsweise 8000 Todeskandidaten. Etwa zehn Prozent seien wegen Delikten verurteilt worden, die als Terrorismus gewertet würden, erklärte die Rechtshilfe-Organisation Legal Aid Pakistan. Im pakistanischem Recht ist der Begriff Terrorismus breit definiert. Legal Aid verwies auch darauf, dass die Todesurteile oft auf Geständnissen basierten, die mit Folter erpresst worden seien. Vielen Angeklagten seien außerdem Verteidiger verweigert worden. Die Todesurteile der vergangenen Jahre hätten die Taliban nicht davon abgehalten, ihren Kampf gegen den Staat fortzusetzen.

Die pakistanischen Taliban sind mit den afghanischen Taliban verbündet, bilden aber eine selbstständige Gruppierung mit eigenen Zielen. Sie kämpfen gegen die Regierung und für einen muslimischen Gottesstaat. In den nördlichen Regionen des Landes und im benachbarten Afghanistan haben sie ihr Rückzugsgebiet. Die Armee konnte die Extremisten trotz der seit Monaten anhaltenden Offensive und regelmäßiger Drohnenangriffe der USA nicht entscheidend schwächen.

Experten sehen dies auch als Folge eines jahrelangen Taktierens mit den Extremisten. Die pakistanische Führung ließ radikale Gruppen lange in der Hoffnung gewähren, sie im Machtkampf mit dem Erzfeind Indien sowie gegen Afghanistan einsetzen zu können. Bereits 2011 hatte die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton die pakistanische Führung gewarnt, man könne „keine Schlange in seinem Garten halten und erwarten, dass sie nur den Nachbarn beißt“.

Die Welt soll hinschauen

Der Terrorismusexperte Guido Steinberg erklärt den brutalen Anschlag der Taliban auf eine Schule in Pakistan mit dem Ringen um weltweite Aufmerksamkeit. Die Taliban stünden in Konkurrenz zu Al-Kaida und vor allem zur IS-Terrormiliz, sagte der Wissenschaftler von der Stiftung Wissenschaft und Politik am Mittwoch im Deutschlandfunk. Umso fürchterlicher müssten die Attacken ausfallen.

„Es gibt kaum Gewalttabus für die Taliban“, sagte der Islamismusexperte. Wegen der weltweiten Konkurrenz der islamistischen Terrororganisationen sei in den vergangenen Monaten „die Gewaltschraube enorm gedreht“ worden. „Wer also tatsächlich unsere Aufmerksamkeit haben will, der muss ganz, ganz große, ganz, ganz fürchterliche Anschläge verüben.“ (rtr)