Mit diesem Sturm der Entrüstung hatte Kevin Kühnert vermutlich selbst nicht gerechnet. Der Zeit hatte der Bundesvorsitzende der Jusos ein Interview zum Thema Sozialismus gegeben, das am Donnerstag für heftige Reaktionen sorgte. „Der Grundsatz ist unverändert: Was unser Leben bestimmt, soll in der Hand der Gesellschaft sein“, hatte er erklärt und – auf Nachfrage – unter anderem die Kollektivierung von Firmen wie BMW gefordert: „Das Ziel ist demokratische Kontrolle darüber, wie wir arbeiten und was wir produzieren.“

Der bayerische Autohersteller in einem Atemzug genannt mit der Idee von Enteignung – das war auch für viele aus der eigenen Partei zu viel. „Was für ein Unsinn“, wütete der Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs auf Twitter und fragte: „Was hat der geraucht? Legal kann es nicht gewesen sein.“ Der Ton der Debatte war damit gesetzt. Politiker von Union, FDP und AfD griffen Kühnert massiv an. Bundesverkehrsminister und CSU-Politiker Andreas Scheuer geißelte das „verschrobene Retro-Weltbild eines verirrten Fantasten“, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder erklärte: „Jetzt steht die SPD noch mehr unter Beobachtung.“

Die neue FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg stieß ins gleiche Horn: „Die SPD muss dringend ihr Verhältnis zum Eigentum klären“, twitterte sie. Auch die Grünen erklärten, sie seien gegen Enteignungen, jedenfalls von Autokonzernen. Nur von den Linken kam Applaus.

Kevin Kühnert wird wütend beschimpft: Berliner SPD blieb eher still 

Bei der Bundes-SPD versuchte man derweil, die Debatte einzufangen. Generalsekretär Karsten Klingbeil warb für Gelassenheit in der Diskussion. Kühnert spreche über eine gesellschaftliche Utopie. „Diese ist nicht meine und auch keine Forderung der SPD.“ Selbst die Jusos haben derzeit keine aktuellen Pläne, auf dem nächsten SPD-Parteitag die Verstaatlichung von Industriebetrieben zu fordern. „Wir haben keinen derartigen Antrag in Arbeit“, erklärte Benjamin Köster vom Bundesbüro der Jusos der Berliner Zeitung. Das Interview mit der Zeit sei auf eine Anfrage hin entstanden, sagte Köster. Kühnert habe darin „eher philosophische Überlegungen“ angestellt, die Grundüberzeugungen der Jusos wiedergäben, die diese schon seit Jahren verträten.

Kühnert selbst mochte sich am Donnerstag nicht mehr zu dem Interview äußern, antwortete aber auf Twitter auf kritische Anmerkungen, unter anderem, indem er aus dem Godesberger Programm der SPD zitierte, wonach die SPD „die Partei der Freiheit des Geistes“ ist.

Die Berliner SPD blieb eher still. Kühnert ist in der Hauptstadt als Verordneter in der BVV Tempelhof-Schöneberg aktiv, ein Parteiamt auf Landesebene hat er nicht. Der SPD-Landesvorsitzende und Regierende Bürgermeister Michael Müller wollte sich ebenso wenig äußern wie der Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, Raed Saleh.

Ehemaliger stellvertretender Juso-Chef Julian Zado verteidigt Kevin Kühnert 

Intern ärgerte man sich vor allem über den Bärendienst, den Kühnert mit seinen Äußerungen dem Europa-Wahlkampf der SPD und damit der Spitzenkandidatin Katarina Barley erweise. „Man sollte sich lieber mit ihren konkreten Forderungen zur Verbesserung der sozialen Lage befassen als mit allgemeinen Enteignungsdebatten“, sagte ein Sozialdemokrat.

Vom Landesvorstand äußerten sich auf Nachfrage nur die Abgeordnete Iris Spranger und der stellvertretende Landesvorsitzende Julian Zado. Spranger kritisierte das Interview. So werde eine ohnehin schon äußerst emotional geführte Debatte weiter angeheizt.

Sie hatte sich gegen die Initiative zur Enteignung von Wohnungsgesellschaften ausgesprochen. Julian Zado, von 2011 bis 2012 stellvertretender Bundesvorsitzender der Jusos, verteidigte Kühnert: „Es ist höchste Zeit, dass wir über die extrem ungleiche Verteilung des Wohlstandes in unserem Land diskutieren.“