Berlin - Roland Jahn war sich in zwei Punkten ganz sicher. Zunächst betonte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, dass es nicht allein um die Aufarbeitung des Erbes der Staatssicherheit gehe. „Es geht um die SED-Diktatur“, sagte er. Zudem müsse ein Schlussstrich in jedem Fall vermieden werden.

Der 61-Jährige war zugegen, als Jan Philipp Wölbern vom Potsdamer Zentrum für Zeitgeschichtliche Forschung am Montag eine Studie über Zwangsarbeit in DDR-Gefängnisse vorlegte – unter besonderer Berücksichtigung der politischen Gefangenen. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), hatte sie in Auftrag gegeben. Es ist die vierte Studie dieser Art.

Ikea-Möbel wurden in Haftanstalten gefertigt

Eigentlich hat das Thema Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen eine lange Geschichte. So wurde schon lange vor dem Mauerfall bekannt, dass auch westdeutsche Firmen dort fertigen ließen. Im Frühjahr 2012 nahm sich ein schwedischer Fernsehsender der Sache erneut an. Er tat dies am Beispiel des Möbelgiganten Ikea. Ikea gab unter dem Druck der Berichterstattung eine Untersuchung in Auftrag, die die Berichte im Prinzip bestätigte. Demnach wurden Ikea-Möbel auch in realsozialistischen Haftanstalten gefertigt. Es folgten weitere Studien, eine aus Jahns Haus, erstellt von dem Forscher Tobias Wunschik, sowie eine der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG). Mit der gestrigen und vierten Studie ist das Bild sehr klar.

So weiß man, dass es von 1949 bis 1989 knapp 300.000 politische Gefangene in der DDR gegeben hat. In den 50er und 60er Jahren waren es besonders viele, in den 70er und 80er Jahren dann etwa 3000 bis 4000 pro Jahr. Anfangs waren sie quer über alle Haftanstalten verteilt. Nach und nach wurden sie konzentriert: in Naumburg, Hohenleuben, Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), Halle und Cottbus. Die politischen Häftlinge mussten wie andere auch arbeiten. Daran ist nach übereinstimmender Ansicht der gestern Anwesenden auch nichts Schlimmes. Ja, die Vereinten Nationen sehen ein Recht auf Arbeit für Häftlinge ausdrücklich vor.

Als kritisch mit Blick auf die politischen Häftlinge wurde benannt, dass diese ja zu Unrecht einsaßen und die Arbeitsbedingungen miserabel waren. So mussten sie krank machende Arbeiten verrichten und hatten oft zu wenig Schlaf. 44 Prozent der Betroffenen führen spätere Gesundheitsschäden auf ihre Haft zurück. Hinzu kam, dass die politischen in der Hierarchie der Häftlinge ganz unten rangierten und die Anstaltsleitungen Diskriminierungen durch Mithäftlinge keinen Einhalt geboten.

Das alles liegt jetzt 25 Jahre zurück und lässt sich naturgemäß nicht mehr ändern. Die Frage ist, was man tun kann, um das Schicksal der Betroffenen zu bessern.

Keine Entschädigung für Betroffene

Eine Entschädigung werde es sicher nicht mehr geben, sagte Christian Sachse von der UOKG. Allerdings könne er sich einen Fonds analog zum Heimkinderfonds vorstellen, aus dem Geschädigte Hilfe empfangen könnten. Jahn mahnte die westdeutschen Unternehmen. Immerhin seien 6000 von ihnen am innerdeutschen Handel beteiligt und 100 in die DDR-Zwangsarbeit als Nutznießer verwickelt gewesen. Davon habe bloß eine Handvoll in der Stasi-Unterlagenbehörde nachgefragt, um Genaueres zu erfahren. Deren Chef regte an, die Unternehmen könnten Opferverbände oder die Bundesstiftung Aufarbeitung finanziell unterstützen.

Die UOKG schließlich denkt darüber nach, in einem der ehemaligen Gefängnisse, nämlich in Naumburg, eine Gedenkstätte zu schaffen. Die Ostbeauftragte Gleicke unterstützt dies. „Naumburg wäre ein guter Standort“, sagte sie.