Berlin - Egon Bahr war kein Mann großer Worte. Was er aber zu sagen hatte, kleidete er in prägnante Sätze und Wendungen von analytischer, bisweilen sarkastischer Schärfe. Zeugnis ihrer Brillanz ist, dass sie über Jahrzehnte im Gedächtnis haften blieben.

„Bisher hatten wir keine Beziehungen. Jetzt werden wir schlechte Beziehungen haben. Und das ist der Fortschritt.“ Das war so ein Satz, mit dem er 1972 den von ihm ausgehandelten „Grundlagenvertrag“ über die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR kommentierte. „Jetzt haben wir endlich die Probleme, die wir uns 40 Jahre lang gewünscht haben“, war wieder so ein Satz. Flapsig und doch überaus treffend umschrieb Bahr damit 1989 die Folgen der Wende in der DDR und des Mauerfalls.

Ereignisse, die auch den Endpunkt einer Politik kennzeichneten, die Bahr 1963 erstmals öffentlich unter dem Titel „Wandel durch Annäherung“ skizziert hatte - auch so eine beiläufig daherkommende Formulierung mit weitreichender Bedeutung. Der damit beschriebene Kurs bestimmte die folgenden 35 Jahre bundesrepublikanischer Ost- und Deutschlandpolitik. Diese Politik von Brandt und Bahr wurde zunächst von der Union erbittert bekämpften, später aber auch von Helmut Kohl umgesetzt.

Anfänge bei der „Berliner Zeitung“

Der am 18. März 1922 in Thüringen geborene Egon Bahr erfuhr seine wesentliche politische Prägung in Berlin. Hierher kam er 1945 aus dem Krieg zurück. Hier, bei der zunächst sowjetisch gelenkten „Berliner Zeitung“, begann er seine journalistische Laufbahn, die ihn schon Mitte der 50er Jahre in die Chefredaktion des amerikanisch gelenkten Rundfunksenders Rias führte. Damit stand er an vorderster Front der politischen Auseinandersetzung mit den Machthabern im Osten der Stadt. Seine Kommentare ließen nichts an antikommunistischer Schärfe zu wünschen übrig.

Doch anders als die damals übliche Adenauersche Strategie strikter Abgrenzung suchte Bahr schon damals nach Wegen, wie die durch Deutschland gehende Spaltung Europas zu überwinden wäre. Das fiel Willy Brandt auf, dem populären Regierenden Bürgermeister West-Berlins. Er machte Bahr zu seinem Pressesprecher, zum Chef der Senatskanzlei, zum Sonderbotschafter, zu seinem Vertrauten bis ans Ende seiner Tage.

„Tricky Egon“

Einen Tüftler und einen Grübler hat man ihn genannt, einen Patrioten, aber auch einen Verräter. Einen Visionär und einen listenreichen Taktiker, Tricky Egon, der jenseits aller Dienstwege als Emissär Brandts zwischen West und Ost pendelte, später von Bonn aus unbekannte Pfade nach Ost-Berlin und Moskau erkundete.

Bis heute ist Bahr vielen Berlinern, im Westen zumal, sehr präsent. Damals, in den aufregenden Jahren des Mauerbaus, des Kennedy-Besuchs, der Passierscheinverhandlungen, war der kleine, auf den ersten Eindruck recht unscheinbar wirkende Mann eine der wichtigsten Figuren der Berliner Politik. Hier, im Rathaus Schöneberg, haben Brandt und Bahr die Politik der kleinen Schritte entwickelt, die zuerst das Leben in der geteilten Stadt ein wenig erträglicher machte und später das Verhältnis der Bundesrepublik zur DDR prägte.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, an welche Details des Kennedy-Besuchs sich Egon Bahr erinnerte.