Elie Wiesel war fünfzehn, als er nach Auschwitz kam. Ein Talmudlehrer nahm sich dort seiner an und jedes Mal, wenn sie zusammen waren, studierten sie den Talmud. Ohne ein Buch, ohne ein Blatt Papier, ohne etwas zu schreiben. Sie diskutierten nicht gebeugt über einen Text. Sie lernten und interpretierten den gesprochenen Talmud. Während um sie herum Tausende vergast wurden.

Eines Nachts führte sein Lehrer Elie Wiesel in seine Baracke. Dort hielten drei große jüdische Gelehrte – mit Elie Wiesel als ihrem einzigen Zeugen – Gericht über Gott. Es wurden Beweise gesammelt, Zeugen gehört und am Ende fällten die drei einstimmig das Urteil: der allmächtige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, wurde schuldig gesprochen, Verbrechen begangen zu haben gegen die Schöpfung und gegen die Menschheit. Danach herrschte – so Wiesel – die „Unendlichkeit der Stille“. Bis Wiesels Talmudlehrer zum Himmel blickte und erklärte: „Es ist Zeit für das Gebet.“ Die drei Gelehrten erhoben sich und sprachen, wie Juden es seit Jahrtausenden tun sollen: „Höre Israel, der Ewige ist Gott, der Ewige ist einzig…“

Diese Geschichte ist der ganze Elie Wiesel. Da ist das Wissen darum, dass die Stille gebrochen werden muss. Sie dehnt sich sonst aus, unterwirft sich Raum und Zeit. Man muss sprechen, um sich klar zu werden, was mit einem passiert, um zu begreifen, wo man lebt und wie man es tut. Die Unendlichkeit ist nichts für Menschen. Sie müssen die Dinge, die Welt erfassen, sie in ihren Grenzen begreifen können. Sonst werden sie das wirklich Unfassbare niemals ahnen können.

Ein gerechtes Urteil

Gott ist ein Verbrecher. Ein überführter, verurteilter Verbrecher. Dennoch fahren wir fort, ihn zu loben und zu preisen. In diesem Konflikt lebte Elie Wiesel. Er tat das, weil er auch dank dieses Konfliktes überlebt hatte. Die Glaubenslosigkeit war ihm so wichtig wie der Glaube. Das Gericht hatte getagt und sein Urteil gesprochen. An dem Urteil gab es nichts zu rütteln. Es war richtig und gerecht, aber … Dieses Aber machte Elie Wiesel aus. Diese Spannung nicht nur ertragen, sondern sie als Energiequelle zu nutzen für seine mehr als fünfzig Bücher – Romane, Memoiren, Theaterstücke, Erzählungen, Essays – umfassendes Lebenswerk, das macht – wir müssen jetzt sagen „machte“ – Elie Wiesel einzigartig.

Als die ungarischen Juden in die Gaskammern geführt wurden, hatte in Paris gerade die Befreiung von den Deutschen begonnen. Nazi-Europa war am Ende, aber die Juden wollte es mitreißen in seinen Untergang. 1958 erschien Elie Wiesels Buch „Die Nacht“ in Paris. Es war die Neufassung eines Buches, das er 1956 auf Jiddisch in Buenos Aires veröffentlicht hatte: „Un di Velt hot geshvign“ („Und die Welt hat geschwiegen“). In dem Vorwort zu einer Neuausgabe von „Die Nacht“ erklärte Elie Wiesel 2007: „Zu Beginn ihrer Herrschaft versuchte die SS eine Gesellschaft ohne Juden zu schaffen, am Ende aber war ihr Ziel, eine Welt zu hinterlassen, in denen Juden niemals existiert hatten.“

Elie Wiesel war tief durchdrungen, also mehr als fest überzeugt, von der Einmaligkeit des Holocaust. Er hat den Begriff Holocaust nicht geprägt. Er war auch nicht der erste, der ihn für den Massenmord an den Juden verwandte. Aber Wiesel hat sehr zu seiner Verbreitung beigetragen. Das gänzlich verbrannte Opfer nannten die Griechen Holocaust. Bei anderen Opfern bleibt etwas übrig für die Gläubigen. Beim Holocaust steigt alles im Rauch auf zu Gott. Die Schornsteine von Auschwitz. Natürlich hat es nicht an Kritik an diesem Begriff gefehlt. Die Juden wurden nicht geopfert. Sie wurden vernichtet. Nichts sollte von ihnen übrig bleiben, keiner sollte sich mehr an sie erinnern. So hatte es der Nationalsozialismus gewollt.

Darum war Elie Wiesel die Erinnerung so wichtig. Sein Leben lang hat er diese Erinnerung immer wieder neu bearbeitet. In seinen Romanen erzählt er von der Judenvernichtung so wie er sie erlebt hat, so wie andere ihm erzählten, dass sie sie erlebt hatten. Dann schrieb er wieder davon in eintausend Seiten Memoiren. Dazu immer wieder Essays gegen das Vergessen.

Der Holocaust war einmalig. Aber das hieß nicht, dass er sich hätte von ihm absorbieren lassen. Elie Wiesel sah auch auf die Massenmorde der Gegenwart. Der Holocaust hatte gezeigt, wozu Menschen fähig waren. Wiesel wollte, dass den Schlächtereien ein Ende gemacht wird. Nicht durch die Entfesselung von Kriegen gegen die Kriege, sondern mittels der Erinnerung, der Erzählung. Wie aber das Unsagbare sagen? Die Wörter waren alle falsch. Kälte, Hunger, Durst, Weg, Rauch – jedes dieser Wörter bedeutet in Auschwitz etwas ganz anderes als sonst auf der Welt. Wie das Einmalige beschreiben mit etwas so Allgemeinem wie der Sprache? Elie Wiesel erzählt nicht nur, er denkt immer auch nach über das, von dem er berichtet. Er tut es unter Schmerzen. Aber er tut es. Jetzt tut er es nicht mehr. Er hat es bis zu seinem Tode getan. Drei Generationen hat er beigebracht – oder es doch durch sein Beispiel versucht –, dass die Wahrheit dem Menschen nicht nur zumutbar ist, sondern, dass er sie braucht. Nicht für das in letzter Zeit wieder in Mode gekommene „gute Leben“, sondern um überleben, um ein Überlebender sein zu können.

Vielleicht hat ihm dabei geholfen, dass die Wörter, die er benutzte französische und englische waren. Er hatte sie erst nach dem Holocaust gelernt. Die jiddischen dagegen waren ihm aus der Kindheit vertraut. Sie hatten eine unschuldige Vergangenheit. Hinzu kam, dass sie so sehr ans Deutsche erinnerten. Ihre Unschuld war der Schuld so nahe, so verbunden mit ihr.

Elie Wiesel war am 30. September 1928 in Sighet in Transsylvanien geboren worden. Zuhause wurde jiddisch, deutsch, ungarisch und rumänisch gesprochen. Seine Mutter entstammte einer chassidischen Familie. Die Religion hatte Wiesel von ihr. Seine Liebe zur Vernunft vom Vater. Wie soll man sich auch nur von einem trennen, wenn einem beide gewaltsam genommen wurden? Zehn Jahre lang hatte Elie Wiesel nicht über seine Auschwitz-Erinnerungen geschrieben. Nach der Befreiung aus Buchenwald war er nach Paris gegangen, hatte dort studiert und begonnen, für Zeitungen zu schreiben. Er gehörte niemals der jüdischen Terrororganisation Irgun ab, liebäugelte aber mit ihr und unterstützte sie publizistisch. Der Rache-Gedanke war ihm so fremd nicht gewesen. Der christliche Romancier und Widerstandskämpfer François Mauriac, mit dem er sich anfreundete, meinte, er müsse über seine Erfahrungen schreiben. „Die Nacht“ war bald nach ihrem Erscheinen ein Welterfolg. Das Buch ist es bis heute geblieben. „Die Nacht“ verkaufte sich allein in den USA zehn Millionen Mal. Orson Welles wollte einen Film aus dem Buch machen. Wiesel lehnte ab. Er fand, ohne das Schweigen zwischen den Wörtern ginge alles verloren, was er hatte sagen wollen.

Erzählende Pausen

Das Schweigen muss gebrochen, aber es darf nicht im Geschwätz erstickt werden. Die Rede über den Holocaust muss das Schweigen einschließen, das Schweigen der Getöteten und das Schweigen derer, die sich schämen. Auch das Schweigen Gottes. Man kann das besser sprechend als schreibend. Leser haben es oft eilig. Sie neigen dazu, über die Pausen hinweg zu hudeln. Das Schweigen interessiert sie oft nicht. Dem Sprecher dagegen entkommt man nicht. Man muss warten, bis er weiterspricht. Man mag meckern über ihn, aber man kann nicht einfach die Seite runterrutschen mit den Augen oder weiterblättern. Wiesel schrieb mit der Intensität eines Sprechers. Wer seine Bücher liest, der hört jemandem zu. Das ist eine große Begabung. Aber es ist vielleicht auch ein Mitbringsel aus Auschwitz. Eine Gabe jenes Talmudlehrers, der ihm zeigte, dass der nicht nur ein Text, sondern lebendiges Wort ist. Für den, der hören kann.

Wer hören mag, wird auf Youtube sich die 18-minütige ergreifende Rede anhören, mit der sich Elie Wiesel am 10. Dezember 1986 in Oslo für den Friedensnobelpreis bedankte. Und vielleicht danach sich dem mehr als 40-minütigen Interview zuwenden, das Oprah Winfrey 1993 mit Wiesel über „Die Nacht“ führte. Elie Wiesel sitzt schmal, die dünnen Beine übereinandergeschlagen, der tief betroffenen Journalistin gegenüber. Wenn sie spricht, wartet er, bis er ganz sicher ist, dass sie nichts mehr sagen wird. Manchmal erträgt Oprah Winfrey diese winzigen Pausen nicht, dann schiebt sie eine Frage nach. Gleich zu Beginn fragt sie Elie Wiesel, wie dieses Unvorstellbare habe geschehen können? Wiesel antwortet: „Es passierte uns, weil wir es uns nicht vorstellen konnten.“ Wir, das war Wiesels Lebensaufgabe, sollten es uns vorstellen können.