Köln - Wäre es allein auf die Macht des Wissens und des Verstands angekommen – Karl Lehmann hätte noch sehr viel mehr bewegen können. Weil aber auch in der katholischen Kirche die Macht nicht selten bei denen liegt, die am geschicktesten damit spielen, bleibt der Mainzer Kardinal vor allem als einer in Erinnerung, von dem die Bibel sagt: den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten.

Zu kämpfen hatte der gebürtige Sigmaringer wahrlich viel in seinem Leben, und immer betrachtete der Sohn eines Volksschullehrers und einer Buchhändlerin, der seine Ausbildung als Theologe und Philosoph in Freiburg und dann in Rom an der Päpstlichen Universität Gregoriana absolviert hatte, eine auf intellektueller Redlichkeit, fundierter Bildung und gründlichem Studium fußende Argumentation als seine schärfste Waffe. Darum war seine Bibliothek im Mainzer Bischofshaus mit ihren 30.000 Bänden für Lehmann auch so etwas wie ein Gefechtsstand und eine Trutzburg in theologischen und kirchenpolitischen Konflikten. Das Verzeichnis seiner mehr als 1000 Schriften stellte ein schier unerschöpfliches Arsenal dar, in das er nach Belieben greifen konnte. Lehmann war ein Ausbund an Gelehrsamkeit und stupender Belesenheit. „Neu erschienen“ und „von Karl Lehmann gelesen“ – das von einem wichtigen Buch zu sagen, sei ein und dasselbe gewesen, sagt sein Schüler Hans-Joachim Höhn, Professor an der Universität zu Köln, bewundernd. „Er war ein ‚Speed-Reader‘, der mit dem Schleppnetz durch die Buchhandlungen zog und sich den Fang danach in nächtelanger Lektüre einverleibte.“ Menschen aus seiner Umgebung erzählen, Lehmann habe selten mehr als drei bis vier Stunden geschlafen. Manchmal übermannte ihn dann tagsüber die Müdigkeit, einmal sogar in einer Pressekonferenz in Berlin, worüber Kameraleute und Fotografen diskret hinwegsahen.

Mitarbeiter von Karl Rahner

Zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) und danach war der 1963 zum Priester geweihte Lehmann Zu- und Mitarbeiter des großen Konzilstheologen Karl Rahner. Beide verband sowohl die Offenheit für die zeitgenössische Philosophie als auch der Wunsch, die von Papst Johannes XXIII. (1958 bis 1963) mit dem Programmwort „Aggiornamento“ ausgerufene Erneuerung und Verlebendigung der katholischen Kirche voranzubringen.

Lehmann war zwar ein Bücherfresser, aber nie ein Bücherwurm. Was ihn als Professor in Mainz und Freiburg und und danach seit 1983 als Bischof von Mainz antrieb, waren die Fragen und die Nöte, die das Leben der Menschen an ihn herantrug. So folgte sein jahrzehntelanger Einsatz für die Ökumene samt einem vom Vatikan brüsk abgeschmetterten Vorstoß zur gemeinsamen Kommunion für konfessionsverschiedene Eheleute aus dem Jahr 1993 nicht zuletzt aus der Erfahrung, wie sehr die Kirchentrennung den Alltag katholischer und evangelischer Christen belastete. „Karl Lehmann war so sehr beansprucht von seiner Zeitgenossenschaft, dass ihm als Theologe der eigene systematische Entwurf, das eine große Werk nie gelungen ist“, sagt Hans-Joachim Höhn. Darunter habe sein Lehrer zwar gelitten, aber er war nicht der Typ, der sich vom Missmut gefangen nehmen ließ. „Sein theologisches Denken ist von den Realitäten des Lebens geprägt“, hielt der Bochumer Theologe Thomas Söding als Festredner zu Lehmanns 80. Geburtstag 2016 in Mainz fest. Was bei anderen Anekdote bleiben würde, werde bei Lehmann „zum Argument, weil er ein theologisches Koordinatensystem ausgebildet hat, das es ihm erlaubt, menschliche Erfahrungen mit der Suche nach Gott zu verbinden.“

Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

1987 wurde Lehmann zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Als quasi erste Amtshandlung verlangte Papst Johannes Paul II. (1978 bis 2005) von ihm, die „Königsteiner Erklärung“ zurückzunehmen. Mit diesem Dokument aus dem Jahr 1968 hatten die deutschen Bischöfe auf das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung in der Enzyklika „Humanae Vitae“ Papst Pauls VI. (1963 bis 1978) reagiert und die unaufgebbare Freiheit der Gewissensentscheidung unterstrichen. Lehmann stand vor einem Dilemma: Sollte er dem Papst folgen und ein Kirchenbeben in Deutschland riskieren? Oder als ungehorsamer Sohn vor dem Heiligen Vater stehen? Lehmann entschied sich für Diplomatie: „Heiliger Vater, was Ihr Vorgänger und Sie 20 Jahre lang von meinen Vorgängern nicht verlangt haben, das verlangen Sie jetzt bitte nicht von mir.“ Der Papst ließ sich davon beeindrucken. Die „Königsteiner Erklärung“ ist bis heute in Kraft.