Berlin - Er konnte über sich selber lachen, nicht lauthals, eher still vergnügt. Er nahm sich ernst, aber nicht allzu wichtig. Ihm war bewusst, was er geleistet hat, und ihm war klar, dass das auch andere wussten – warum also darum noch viele Worte machen. Sein Lieblingsbild zur Beschreibung seiner einzigartigen Karriere als Staatsrechtslehrer, Präsident des Bundesverfassungsgerichts und Bundespräsident war Ausdruck mild-ironischer Bescheidenheit. Vor vielen Jahren befragt, ob und wie er seinen beruflichen Aufstieg geplant und vorbereitet habe, hatte Herzog erwidert, er habe sich am Verhalten des Geißeltierchens orientiert: „Es treibt im warmen Wasser, lässt die Fangarme spielen, und wenn was Interessantes vorbeikommt, schlägt es zu." Das Bild, das gelassenen Ehrgeiz und entspannte Lebens-Erwartung verraten soll, war so schön, dass Roman Herzog es den Journalisten mit den Jahren immer wieder vorgelegt hat, denen es genauso gut gefallen hat wie Herzog selbst. Zumeist ist ihnen in der verzückten Bildbetrachtung, natürlich ganz im Sinne Roman Herzogs, der entscheidende Umstand entgangen: wie oft das Geißeltierchen zugeschlagen hat.

Die Gelegenheiten haben sich nicht einfach ergeben, Herzog hat sie sich zielstrebig erarbeitet. Er wurde am 5. April 1934 im niederbayerischen Landshut in ein kleinbürgerliches Elternhaus hineingeboren. Offensichtlich hat der Sohn eines kaufmännischen Angestellten und späteren Direktors des Landshuter Staatsarchivs den Zusammenhang von Bildung und sozialem Aufstieg sehr schnell begriffen. Das humanistische Gymnasium verließ er als Klassenbester mit einem Abiturdurschnitt von 1,0, das Jura- Studium in München absolvierte er in nur sieben Semestern, ein Jahr später, 1958, wurde er Assistent und Doktorand beim Verfassungsrechtlers Theodor Maunz – dessen Verfehlungen als NS-Jurist erst Jahre später bekannt wurden -, 1964 Habilitation, und wieder nur ein Jahr später folgte er dem Ruf als Ordinarius auf den Lehrstuhl für Staatsrecht und Politik an die Freie Universität Berlin, mit erst 31 Jahren. Die Karriere des ehrgeizigen Geißeltierchens hatte einen Höhepunkt erreicht; und stand doch erst am Anfang.

Der Schwarze Sheriff von Baden-Württemberg

In diesen Jahren gab es für einen jungen, aufstrebenden konservativen Staatsrechtslehrer vermutlich keinen ungemütlicheren Ort als die von den Studentenunruhen erschütterte Berliner Universität. Herzog zog es schon 1969 an die Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Das wurde sein Einstieg in die Politik. Helmut Kohl, soeben zum Ministerpräsidenten in Mainz gewählt, wurde auf den Rektor der Hochschule in Speyer aufmerksam, er entsandte ihn nach Bonn als Bevollmächtigten des Landes Rheinland-Pfalz in der damaligen Bundeshauptstadt. Seinen Ruf als „Schwarzer Sheriff“ aber hat sich Herzog, durch seine Mitarbeit am „Maunz-Dürig-Herzog“, dem Standardkommentar zum Grundgesetz, schon damals ein bekannter Staatsrechtslehrer, erst in Baden-Württemberg erworben.

1978 wurde er in Stuttgart Kultusminister, zwei Jahre später Innenminister. Ältere konservative Christdemokraten denken bis heute dankbar an den Innenpolitiker Herzog zurück, umgekehrt haben dem „law-and-order“-Politiker Herzog liberale Schwaben und Badener lange Zeit nicht verziehen. Das galt vor allem für die von ihm eingeführten „Gebühren“ für die Teilnehmer an nicht genehmigten Demonstrationen, die als Erstattung für die entstandenen Polizeikosten gedacht waren, und für die Ausrüstung der Polizei mit Gummiwuchtgeschossen und CS-Reizgas, das Herzog zuvor mit zwei Beamten im Selbstversuch getestet hatte.

Der Wandel zum Liberalen

Sein Ruf als „hardliner“ der Rechts- und Innenpolitik hat sich damals rasch verbreitet. Entsprechend waren die Reaktionen liberaler und linker Rechtspolitiker, als Herzog Ende 1983 zum Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe und zum Vorsitzenden des Ersten Senats gewählt wurde. Auch am Gericht selbst wurden – hinter vorgehaltener Hand, aber unüberhörbar - Zweifel geäußert, ob der für seine liberale Rechtsprechung bekannte „Grundrechte-Senat“ seine Linie unter dem tiefschwarzen Vorsitzenden werde beibehalten können. Sowohl die Hoffnungen der Konservativen als auch die Befürchtungen der Liberalen erwiesen sich schnell als unbegründet. Selten hat sich ein neugewählter konservativer Richter in Karlsruhe so rapid und radikal zum Liberalen gewandelt wie Roman Herzog. So hob ausgerechnet unter seinem Vorsitz der Erste Senat das Verbot einer Demonstration gegen das Kernkraftwerk Brokdorf mit der Begründung auf, „der von der Verfassung jedem Staatsbürger garantierte Schutz der Versammlungsfreiheit“ sei auch dann zu erhalten, „wenn mit Ausschreitungen durch einzelne oder eine Minderheit zu rechnen ist“.