Die Haare einer brünetten Frau wehen ihm Fahrtwind, das Oldtimer-Cabrio bewegt sich gemächlich durch eine hügelige Meerlandschaft auf ein herrschaftliches Anwesen einer britischen Adelsfamilie zu. Noch ist alles in bester Ordnung, das Wetter ist mild, das Leben schön. Aber die Frau hat ein Geheimnis, sie bringt ihre Vergangenheit mit, deren langsame Enträtselung dem Leser – und nicht weniger häufig dem Fernsehzuschauer – in aller Ausführlichkeit aufgegeben wird.

Rosamunde Pilchers Erfolgsrezept: Landarzt und Leidenschaft

Wir befinden uns nicht in irgendeiner Geschichte, sondern in der typischen Anordnung eines Rosamunde-Pilcher-Romans, der in Deutschland zum Inbegriff eines Heile-Welt-Genres geworden ist, in dem wohlgeratene Menschen mitunter in Konflikt mit ihren nicht immer ganz einfachen Familienverhältnissen geraten. Ein erfolgreicher Landarzt, der plötzlich erfahren muss, dass er einen erwachsenen Sohn hat, der sich leidenschaftlich zu der eigenen Tochter hingezogen fühlt. Was nun?

Einfach konstruierte Romane getragen von einfühlsamen Dialogen 

Inzest, Erbschaftsstreitereien und wiederaufflackernde Liebesgeschichten bilden das Handlungsgerüst von einfach konstruierten Romanen, die unter der behutsamen Federführung von Rosamunde Pilcher stets von einfühlsamen Dialogen getragen wurden, mit denen sich ein von ganz anderen Alltagssorgen geplagtes Publikum mühelos identifizieren konnte.

Allein für das ZDF sind nach diesem Erzählmuster zwischen 1989 und 2019 145 Filme entstanden, Tausende Filmleute und Schauspieler erhielten durch Pilchers unermüdliche Textproduktion Anstellungs- und Honorarverträge, ehe Rosamunde Pilcher 2012, im Alter von 87 Jahren, angekündigt hatte, nun keine weiteren Romane mehr zu schreiben, weil sie sich allmählich zu alt fühle.

Ihr Leben selbst las sich wie einer ihrer immergleichen, im besten Falle versöhnlich zu nennenden Romane: Geboren wurde Rosamunde Scott in der der ersten Hälfte des 19. Jahrunderts, genau: 1924 da, wo fast alle ihre Geschichten später spielten – im britischen Cornwall, jenem von der Natur besonders schöne herausgeputzten Landstrich, auch Gottes eigenes Land genannt. Pilcher, geborenen Scott, war die Tochter eines britischen Marineoffiziers, der in Burma diente. Der Vater war häufig absent, die Mutter übernahm die Erziehung und offenbar förderte sie früh die Begabung  ihrer Tochter – Pilcher schrieb schon als Teenager. Indes zur „Meisterin der Liebesschnulze“, wie sie des öfteren in England als auch in Deutschland verächtlich geziehen wurde, wurde Pilcher erst wesentlich später.

Rosamunde Pilcher schrieb schon als Teenager

Nach dem Schulabschluss trat die knapp 18-Jährige erste einmal dem Women’s Royal Naval Service bei – dem Königlichen Marinedienst der Frauen, es war der Zweite Weltkrieg. Zudem verdingte sich Pilcher, früh eigenständig und für ihre Zeit durchaus nicht selbstverständlich, mit einem eigenen Beruf: Sie wurde Sekretärin im britischen Außenministerium und wurde 1943 nach Indien berufen, wo sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges blieb.

Mit der modernen Lebensführung indes war es nach dem Krieg vorbei, die junge Frau heiratete im Jahr 1946 den Textilunternehmer Graham Pilcher, mit dem sie bis zu dessen Tode vor rund zehn Jahren verheiratet blieb. Das Paar zog in den schottischen Ort Longforgan bei Dundee. Wie Cornwall beeinflusste auch Schottland Pilchers Ideen von Land und Liebe nachdrücklich. Auf dem Land wurde Pilcher zur Hausfrau und Mutter, und begann, Ende der 40er Jahre mit dem Verfassen von Kurz- und Liebesgeschichten hauptsächlich für Frauenmagazine. Pilcher scheint sich des Erfolgs ihrer Geschichten zu dieser Zeit nicht sicher gewesen zu sein, denn sie schrieb unter dem Pseudonym Jane Fraser, das sie später nicht mehr verwendete.

„Die Muschelsucher“ verkaufte sich allein in Deutschland rund 1,7 Millionen Mal 

Der Erfolg, der sie vor allen Dingen in Deutschland schlagartig berühmt machte, setzte recht spät ein, erst 1987 kam es zum kommerziellen Durchbruch mit der für sie schon typischen Familiensaga um  Liebe, Leid und Leidenschaft mit dem Titel „The Shell Seekers“, zu deutsch: „Die Muschelsucher“, die sich allein in Deutschland rund 1,7 Millionen Mal verkaufte. Der Erfolg blieb ihr treu: Ihre bislang über 60 Millionen weltweit verkauften Bücher haben sie seither zu einer der erfolgreichsten Autorinnen der Gegenwart gemacht. Mit dem 2000 erschienenen Roman „Wintersonne“ beendete sie ihre schriftstellerische Laufbahn. In der Nacht zu Donnerstag starb Rosamunde Pilcher an den Folgen eines Schlaganfalls. Sie wurde 94 Jahre alt.