Pessimismus ist immer bequem, dann braucht man nichts zu machen“, sagte Uri Avnery einmal. Das war vor vier Jahren, anlässlich seines 90. Geburtstags. Er saß in seiner Tel Aviver Wohnung mit Blick aufs Mittelmeer, das Haar so schlohweiß wie sein Bart. Einmal mehr hielt er dabei ein Plädoyer für eine Zwei-Staaten-Lösung, an die er, ein überzeugter Atheist, unbeirrt glaubte.

Aktiv blieb Uri Avnery bis zuletzt. Wöchentlich schickte er seine Kolumnen über einen Online-Verteiler von Gusch Schalom raus, den linken Friedensblog, dem Avnery eine unverzichtbare Stimme verlieh. Seine kritischen Kommentare waren Pflichtlektüre für alle, die angesichts des zunehmend verqueren Nahostkonflikts die Hoffnung auf Frieden zwischen Israelis und Palästinensern nicht aufgeben wollen. 

Die politische Maxime seines Lebens

„Optimi“, hebräisch für Optimist, heißt denn auch seine Biografie, die er erst im hohen Alter schrieb. Die wichtigsten Stationen seines wechselvollen Lebens, das am Montag in Tel Aviv erlosch, lassen sich hier nur stichwortartig wiedergeben. 1924 als Helmut Ostermann in Beckum/Westfalen in eine jüdischen Bankiersfamilie hineingeboren, drückte er zusammen mit Rudolf Augstein die Schulbank eines Gymnasiums in Hannover. Unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung beschloss der Vater die Auswanderung der Familie nach Palästina. 

Uri, der seinen Namen alsbald hebräisierte, war sofort von dem neuen Land angetan. „Es war Liebe auf den ersten Blick“ schilderte er die Ankunft im quirligen Hafen von Jaffa. Als begeisterter Zionist schloss er sich mit 15 der rechtsextremen Untergrundgruppe Irgun an und wechselte, noch bevor er im Unabhängigkeitskrieg verletzt wurde, ins ultralinke Lager. Weil, wie er bekannte, „den Arabern die gleichen nationalen Rechte zustehen wie uns Juden“. Ein Satz, der zur politischen Maxime seines weiteren Lebens werden sollte. 

Den ersehnten Frieden wird Uri Avnery nun nicht mehr erleben

Früh wurde er zum Vordenker eines palästinensischen Staates an der Seite Israels. Eine Überzeugung, für die er zunächst als Chefredakteur eines gegen das Establishment gerichteten Magazins und später als linker Knesset-Abgeordneter eintrat. Bereits in den 70er-Jahren knüpfte er Kontakte zur PLO, der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Untrennbar mit seinem Namen verbindet sich auch Avnerys Zusammenkunft mit Jassir Arafat 1982 in Beirut während des israelischen Libanonkriegs. Zum ersten Mal traf ein Israeli allen strafrechtlichen Verboten zum Trotz den verhassten Erzfeind.

Der 1993 geschlossene Friedensvertrag von Oslo schien ihm schließlich recht zu geben, bis die zweite Intifada im September 2000 ausbrach und Arafat wieder zum „Enfant terrible“ in den Augen der israelischen Mehrheitsgesellschaft wurde. Nicht für Avnery. Zusammen mit seiner Ehefrau Rachel eilte er nach Ramallah, um Arafat in der von israelischen Truppen belagerten Mukata, dem Hauptsitz der PLO, beizustehen. Für ihn blieb der umstrittene PLO-Führer der einzige, der genug Charisma besaß, um einen Frieden durchzusetzen. 

Auch wenn er den ersehnten Frieden nicht mehr erlebte, blieb Uri Avnery bis zu seinem Tod ein unerschütterlicher Optimist.