Berlin - Gustav Heinemann mochte ihn nicht. Willy Brandt war von ihm enttäuscht. Und dennoch wäre ohne Walter Scheel weder der eine zum ersten Bundespräsidenten, noch der andere zum ersten Bundeskanzler aus den Reihen der SPD gewählt worden. Gemeinsam haben der Liberale und die beiden Sozialdemokraten die westdeutsche Nachkriegsgeschichte nachhaltig verändert. Am Ende mag diese politische Leistung die Frage in den Schatten stellen, ob dem vierten in der Reihe der Bundespräsidenten das Prädikat „bedeutend“ gebührt.

Jedenfalls war Walter Scheel für deutsche Verhältnisse ein eher ungewöhnlicher Politiker. Machtbewusstsein zeichnete ihn aus, wie alle anderen, die es zu etwas gebracht haben im Staate. Geboren im Bergischen Land, zeichnete ihn ein eher rheinisches fast französisches Lebensgefühl aus. Der Sohn eines Stellmachers wollte etwas werden, aber er wollte auch etwas davon haben. Anders als für seinen Vorgänger Gustav Heinemann war Genuss für Walter Scheel kein Fremdwort.

Volk sah Scheel Snobismus nach

Er liebte die Repräsentation und das gute Essen, nicht erst als er außer Diensten Schlagzeilen machte, weil es zu seiner dritten Hochzeit im zwölfgängigen Menü ein Safranrisotto gab, das mit Blattgold verziert war. Scheel ließ die staatlichen Galadiners der Bonner Republik erst von drei auf vier, dann auf sechs Gänge aufstocken. Zum Staatsbesuch in Moskau ließ er außer Helgoland-Hummer eigens eine Floristin fürs Bankett in die deutsche Botschaft einfliegen, berichtet der „Spiegel“.

Zumindest in seiner Amtszeit sah das Staatsvolk seinem Oberhaupt derlei Snobismus nach. Es wurde ja weidlich mit einer gehörigen Portion Volkstümlichkeit entschädigt. Walter Scheel mochte den Luxus, und die Blume im Knopfloch nicht weniger als die Ordensrosette. Aber er mochte auch die Menschen. Und das spürten sie. Im politisch-journalistischen Komplex der Republik rümpften sie die Nase, als er seine Sangeskünste auf Platte pressen ließ. Ein Bundespräsident der à la Heino (nur heller) „Hoch auf dem gelben Wagen schmetterte“ – war das denn mit der Würde des Amtes in Einklang zu bringen?

Mehr als der lustige Staatskutscher

Es war, fand man draußen im Lande. 300.000 Mal wurde der Titel binnen kurzem verkauft und spülte der Behinderten-Hilfsorganisation „Aktion Sorgenkind“ erhebliche Spenden in die Kasse. Mildred Scheel, die Ehefrau seiner Präsidentenjahre tat es ihm nach und hatte keinerlei Berührungsängste zum Unterhaltungsgenre, wenn es darum ging, Spenden für ihre „Deutsche Krebshilfe“ zu organisieren. Aber Walter Scheel war mehr als der lustige Staatskutscher. In seiner Rolle als Notar der Politik machte er erst einmal Furore. Er verweigerte dem Gesetz über die Abschaffung der Gewissensprüfung für Kriegsdienstverweigerer die Unterschrift. Da sprach weniger der mehrfach ausgezeichnete Weltkriegssoldat aus ihm als die Juristen des Präsidialamtes. Dem Argument, dass der Bundesrat hätte beteiligt werden müssen, gab später das Bundesverfassungsgericht Recht.

Mitte der 60er Jahre hatte Walter Scheel die Zeichen der Zeit erkannt. Mit diesem Staat war keiner mehr zu machen. Das Land brauchte im Innern eine neue Bildungs- und Gesellschaftspolitik, im Äußern vor allem eine neue Politik gen Osten.

Kongenialer Außenminister an Brandts Seite

Das war nur zu bewerkstelligen, wenn die Freien Demokraten ihrem Namen Ehre machte und sich der babylonischen Gefangenschaft ihrer Verbindung mit CDU und CSU entledigte. In dem Rechtsprofessor Werner Maihofer und dem Journalisten Karl-Hermann Flach, den er als Generalsekretär installierte, fand er die idealen Mitstreiter für die Programmatische Erneuerung des rechtsbürgerlichen Honoratiorenvereins.

Als die „Freiburger Thesen 1971“ zum Parteiprogramm wurden hatte Scheel die wichtigste Arbeit allerdings bereits erledigt. In diskreten Verhandlungen hatte er Kontakt zu Willy Brandt und den Seinen. Es war ein Abenteuer mit hohem Risiko gegen alle widerstreitenden Kräfte Gustav Heinemann als neuen Bundespräsidenten zu installieren. Der Sozialdemokrat hat die Operation mit einem der bleibenden Worte der deutschen Nachkriegsgeschichte als „ein Stück Machtwechsel“ bezeichnet. Als der über die Bühne war, glänzte Scheel als kongenialer Außenminister an der Seite Willy Brandts.

Am Ende machte die Gesundheit nicht mehr mit

Umso enttäuschter war der Sozialdemokrat als Scheel mit klarem Blick für die Risse in der sozialliberalen Tagespolitik auf das Amt des Bundespräsidenten strebte. Mit 55 Jahren war Walter Scheel als bis dahin Jüngster in das höchste Staatsamt gekommen. Es blieb ihm anschließend also eine erkleckliche Zeit, das Leben auf seine Weise zu genießen – bis die Gesundheit nicht mehr mitmachte. Die letzten Jahre verbrachte er von Demenz gezeichnet in einem Pflegeheim in Bad Krotzingen. Dort ist er am Mittwoch im Alter von 97 Jahren gestorben.