Nadire Y. Biskin (32) ist in Berlin-Wedding geboren und aufgewachsen. Sie schreibt für diverse Medien journalistische Texte sowie Prosa, Essays und Lyrik.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin-WeddingIn der Nacht des 19. Februars tötete ein Rechtsradikaler in Hanau zehn Menschen und sich selbst. Das erfahre ich über Twitter. Ich schäme mich, es mir eingestehen zu müssen, aber meine Gefühle scheinen mir nicht angemessen in Anbetracht einer solchen Tat zu sein. 

Ich bin nicht schockiert, weil das, was da passiert ist, zu einer Reihe von Taten gehört, weil die Gefahr und die ständige Angst vor der Gefahr mich in jeglichen Räumen begleiten, die mir und meiner sonst trotzigen Natur zu schaffen machen.

In Halle gab es einen Anschlag auf eine Synagoge, in Kassel schoss ein Rechtsradikaler einem Politiker in den Kopf. Mit dem Anschlag in Hanaus sind es drei rassistisch motivierte Taten innerhalb von neun Monaten und nur innerhalb Deutschlands.

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Zwischen all diesen Taten gibt es Angriffe ohne Hashtags, unter anderem auf offener Straße auf kopftuchtragende Frauen. Teilweise sind die Frauen schwanger oder haben Kinder bei sich, die den Angriff auf ihre Mütter miterleben müssen. Meine Mutter trägt auch Kopftuch.

Wenn ich auf der Straße mit ihr unterwegs bin, dann spüre ich die wertenden, sortierenden Blicke. Ich bin dann das Integrationswunder. Einige Medien sprechen im Falle des Hanauer Anschlags von „Ausländerfeindlichkeit“ statt von „Rassismus“. Diese unangemessene Wortwahl taucht nicht das erste Mal auf, es wurde mehrfach darauf aufmerksam gemacht.

Rassismus ist keine Krankheit

Es gibt einen Glossar der Neuen Deutschen Medienmacher mit Formulierungshilfen und Begriffsdefinitionen.  Ich lese Tweets die wiederholt eine kostenlose Weiterbildung für jene Medien darstellen, die weiterhin fehlerhaft formulieren. Ich beneide die Verfasser. Sie haben Hoffnung. Ich habe keine Hoffnung mehr, denke ich an all die Vorfälle, an den medialen Umgang mit der Nennung der Täterherkunft, die laut einer Studie in 175 Berichten die ethnische Herkunft der Täter nennen.

Davon aber nur in sechs Berichten den Tatverdächtigen als explizit deutsch beschrieben (3,4 Prozent) und 49 als explizit nichtdeutsch (28 Prozent). Einige Medien wiederholen den Fehler, den sie schon im Zusammenhang mit den NSU Morden gemacht haben. Damals sprachen sie von „Döner-Morden“, im Falle des Terroraktes in Hanau heißt es „Shisha-Morde“.

Die Abwertung, die hinter solch verdinglichenden Formulierungen stecken, ist nicht in Worte zu fassen. Die Pathologisierung ist auch im Falle des Täters Teil der Narrative.

Sie kommt zum Einsatz, wenn der Täter, der häufig zu viel Aufmerksamkeit für sein banal-böses Wesen bekommt, nicht aufgrund seiner Herkunft oder Religion kategorisiert wird. Ich frage mich, was ist so schwer daran zu verstehen, dass nicht jeder Rassist psychisch krank ist und nicht jeder psychisch Erkrankte rassistischen Terror ausübt?

Rassismus ist keine Krankheit, sie ist strukturelle Diskriminierung und immer noch fester Bestandteil der Gesellschaft. In dem Fall spielt der Ort des Attentats eine große Rolle. Die Shisha-Bars stehen seit längerem auch im Fokus der Polizei. Es gibt mehrere Razzien, Verdacht auf Geldwäsche unter anderem. Der Brennpunkt-Stereotyp, der dabei immer wieder aufrecht erhalten wird: muslimisch und kriminell.

Wohin soll mein Bruder denn noch gehen? 

Das ist die Wahrnehmung. Dabei ist für mich die Shisha-Bar ein Brennpunkt, weil ihre Besucher ebenso wie Moscheebesucher unter ständigem Generalverdacht stehen und der Besuch dieser Orte nun auch mit Lebensgefahr auch einhergehen kann.

Ich schreibe aus meinem mit Angst gefüllten Bauch heraus auf Twitter, dass ich meinen jüngeren Bruder warne, er möge nicht in die Moschee gehen und auch nicht mehr die Shisha-Bar besuchen. In Clubs wird er aber häufig nicht reingelassen. Hält er sich auf der Straße auf, wird er als Gefahr betrachtet. Cruisen soll er auch nicht wegen der Umweltbelastung. Ich frage: Wo soll er hingehen? Wo soll meine kopftuchtragende Mutter leben?

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Wo ist es sicher für meine Familie? Darüber mache ich mir seit längerem Gedanken, führe nächtliche Monologe mit mir selbst und tägliche Dialoge mit Menschen, die auch Angst in Deutschland haben oder Verbündete der rassismuserfahrenen Menschen sein möchten.

In den sozialen Medien erhalte ich Kommentare, die ich aus dem Alltag kenne, wenn ich mich kritisch äußere. Ich möge gehen, wenn es mir nicht passt. Doch ich erhalte auch tröstende Worte, Anerkennung meiner Sorgen, meine Stimme wird auf Twitter gehört.

Doch hat das Ganze einen unangenehmen Beigeschmack. Ich würde gerne auf Anerkennung verzichten, wenn sie lediglich nach solchen Anschlägen kommt und meist kurzfristig anhält.

Ich wünschte, man hätte die Warnzeichen vorher gehört, sprachliche Verrohung in jeglichen Bereichen der Gesellschaft nicht verharmlost oder als notwendiges Ventil betrachtet, sondern als eine Vorstufe von lebensbedrohlicher, physischer Gewalt wahrgenommen.

Wie sollte man sich als potenziell gefährdete Person verhalten?

Ich wünschte, man hätte Sensibilität gegenüber Rassismus nicht als „dünnhäutig“ oder „nicht-neutral“ abgewertet. Ich wünschte, man hätte aus all den Fehlern gelernt, statt sie zu wiederholen. So dass ich keine Texte über meine Ängste und die realen Gefahren aufgrund von Diskriminierung schreiben muss, so dass ich mir nicht nächtelang Gedanken mache, ob ich mir einen Urlaub gönne oder das Geld für eine eventuelle Flucht spare.

Ich wünschte, ich müsste mir nicht Gedanken machen, wie ich mich am besten verhalten kann, falls ich Mutter werde und mein Kind Rassismus erfährt, sondern ich könnte mich wie andere mit banalen Fragen beschäftigen, wie zum Beispiel, ob Kinder in der U-Bahn Platz machen müssen. Das ist nicht möglich, also stellen sich die gleichen Fragen: Was lernt Deutschland daraus?

Wie wirkt es einer Wiederholung entgegen? Wie wird diesmal mit Angehörigen der Ermordeten umgegangen? Wessen Stimme wird gehört? Was sind die Konsequenzen, die die Politik zieht? Wird es wieder einen Anschlag geben?

Diesmal auf sogenannte Brennpunktschulen? Wie sollte man sich als potenziell gefährdete Person verhalten? Welche Pflichten hat die Dominanzgesellschaft? Kurzum: Quo vadis, Almanya?